Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Hand in Hand

zu singen

Leuchtender Frühlingsmorgen. Drinnen ist der Saal mit einem hochgestimmten Publikum vollbesetzt – von der Bühne bis unters Dach. Und doch gelingt es in dieser Liedmatinee drei Interpreten, uns alle in eine viel privatere Atmosphäre zu versetzen. Denn die Sängerinnen Dorothea Röschmann und Mag dalena Kozená verbinden sich mit Daniel Barenboim am Klavier zu einem Ensemble gleichsam familiärer Vertrautheit. Es ist, als ob wir uns im Gartensaal jenes Anwesens an der Leipziger Straße Nr. 3 befänden, wo die Familie Mendelssohn ihre legendären „Sonntagsmusiken“ abhielt. Auch dort traten hervorragende Musiker auf.

Und unsere Imagination wird dadurch beflügelt, dass die Sängerinnen sich freundlich ansehen, bevor sie die Duette Opus 63 von Felix Mendelssohn Bartholdy anstimmen: edle vokale Parallelen über Heimat und Fremde, Frühling und Winterzeit. Wie sie „singen Hand in Hand“, stellen sie auch die „Schwestern“ der Duette von Brahms dar, bei leiser Ironie bisweilen, auf die sich besonders Kozená versteht. Mit dem feinen Mattglanz ihres Mezzosoprans, den in der Dynamik belebten Tönen, den Ausdrucks-Crescendi scheint sie in Liedern von Henri Duparc zu erspüren, was Mélisande fühlt. Auch Röschmann hat ihren Soloteil: Staunend klingt, von Barenboim geheimnisvoll begleitet, „vielleicht, vielleicht“ in Hugo Wolfs Mörikelied „Denk’ es, o Seele“. Zuletzt brillieren die beiden in Duetten von Antonin Dvorák. So zaubert Daniel Barenboim aus dem Schatzkästlein seiner Lindenoper eine erlesene Sonntagsmusik. Sybill Mahlke

THEATER

Paket

im Treppenhaus

Alles wie immer, alles ganz anders an einem gewöhnlichen Nachmittag unter den Mietern im Treppenhaus des mehrstöckigen Gebäudes. Der fade anonyme Ort gibt plötzlich Schicksale frei, weil da ein Paket von fernher seinen Adressaten nicht gleich findet. Wohnungsklingeln. Leute, einander fremd, treffen sich unvermittelt. Ein Selbstmord bleibt in der Planung stecken, Gulasch wird gekocht und Fruchtsaft geliefert, Stumme reden wieder und das Begehren flammt auf: Mein junges idiotisches Herz nannte Anja Hilling diesen monologisch strukturierten Text über das Leben in der Vertikalen, der im Studiotheater bat unter Leitung des Regiestudenten Anestis Azas zur Aufführung kam (wieder: 30. April und 2. Mai).

Vier Männer und zwei Frauen versuchen sich treppauf treppab „freizusprechen“. Aber: was sie erzählen, gestehen sie nur sich selbst. Sie bleiben im Versteck der Sprache, ihrer Sprache, die Schutz bedeutet vor der Welt. Wirklichkeit rückt fern, ist im Traum gefangen, in der Sehnsucht, eine Beziehung zu finden, die über das gesichtslose Mietshaus hinausgeht.

Der 1978 in Griechenland geborene Regisseur hat in einem dreistöckigen Gerüst mit schmalen Treppen, Wänden, Fluren diese Beichten in virtuoser Doppelung versinnlicht. Was erzählt wird, findet nicht statt, wird vielmehr gestisch vorbereitet, ausgelegt und überhöht. Intensiv durchlebte Monologe treffen auf die fantasiegesättigten Kommentare der jeweils anderen, nachdenkliche Ruhe schlägt überraschend in wilde Ekstase um, dann wieder Stille und Leere im musikalisch summenden, vibrierenden Treppenhaus. Die Nervosität der Figuren erfasst das Ensemble mit staunenswerter Sicherheit, es bringt Schicksale auf die Bühne, die doch geheimnisvoll, verdunkelt bleiben. Die kleinen und großen Verrücktheiten der Mieter blühen bei den Darstellern regelrecht auf – tapfere, sympathisch verschrobene Leute stehen auf der Bühne, die mit sich selbst und dem Alltag fertig zu werden versuchen. Christoph Funke

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