Kultur : KURZ & KRITISCH

Bernhard Schulz

ARCHITEKTUR

Wonnen

der Jugendzeit

Hoppla! Re-Design kann manchmal auch Retro-Design heißen. So bei „Arch+“, Archplus, der „Zeitschrift für Architektur und Städtebau“, die sich im 40. Jahrgang ein neues Outfit zugelegt hat. Art-Direktor Mike Meiré geht ganz weit in die Vergangenheit zurück, in die zwanziger Jahre nämlich, mit dicken schwarzen Titelbalken, gesperrt gesetzten Anläufen, schrägen Autorzeilen und grobkörnigen Abbildungen. Viel Schwarz also. Zeitlich passend behandelt gleich der erste Beitrag die Ausstellung zur „Werkbundausstellung Paris 1930“, die das Berliner Bauhaus-Archiv unlängst veranstaltet hat – nur dass der Werkbund damals längst eine Eleganz hochhielt, die Archplus nunmehr eher abgeht. Folglich geht’s im Thementeil weiter zur „Radikalen Architektur der kleinen Zeitschriften 196X bis 197X“. Da darf dann auch das einst im Berliner „Verlag für das Studium der Arbeiterbewegung“ publizierte Archplus mit einer durchaus informativen Nabelschau nicht fehlen. Es geht nicht so sehr um gebaute Architektur, als vielmehr die Idee davon. Wonnen der Jugendzeit! Bei einem Heftpreis von 19 Euro denkt der Leser allerdings sehnsuchtsvoll an die preisgünstigen Raubdrucke von damals. Ach ja, der dauerbewegte, indessen knallhart arrivierte Rem Koolhaas absolviert im Schlussteil des Heftes 186/187 ein Interviewmarathon, wobei er Fragen stellt wie: „Können Sie uns etwas über Ihren neuen Roman erzählen oder ist er noch ein Geheimnis?“ Was die Archplus-Redaktion um Nikolaus Kuhnert geritten hat, solche Sprechblasen zu drucken, weiß der Himmel. Abgesehen davon ist’s ein lesenswertes Heft. Nur die viele Druckerschwärze sollte beim nächsten Mal reduziert werden. Bernhard Schulz



POP

Bitternis

des Alterns

Auf die Frage, was er denke, wenn er auf die Bühne geht, sagte Keith Richards: Da denke er nicht, da fühle er nur! Mit Sicherheit gilt das auch für Malcolm Holcombe. Der Singer-Songwriter aus North Carolina steht nicht auf einer gigantischen Stadionbühne vor -zigtausend Zuschauern, sondern vor nicht mehr als drei Dutzend Leuten auf dem winzigen Podium im Berlin Guitars. Doch das Gefühl ist umso größer, direkter, intensiver.

Holcombe schert sich einen Dreck um die kommerziellen Aspekte einer großen Musikerkarriere, er versteht sich als einfacher working man, der Songs schreibt und singt. Wie jeder, der seinen Job macht, wie schon sein Vater, der ein hart arbeitender Busfahrer war. Ohne Aufhebens, bodenständig, aufrichtig, gut. Arbeiterethos. Holcombe sitzt da wie ein Hobo aus einem alten amerikanischen Film, mit zerrissenen Jeans, verkrumpelten Hemd unter einer verschossenen Lederjacke, mit strähnigen Haaren, wilden Koteletten und schaukelt gefährlich mit dem Stuhl. Mit schwieligen Fingern pickt er in die Gitarrensaiten, lässt den Stahl knallen, hämmernd rhythmisch, sirrend melodisch. Fabelhaft eigenwillige Gitarrentechnik. Wüst und sanft. Er knurrt und heult wie ein verwundeter Wolf. Ein knarrender Bariton, der an Guy Clark und Tom Waits erinnert und doch ganz anders ist. Immer mehr versinkt Holcombe in seiner eigenen Welt, richtet den Blick nach innen, wo ein endloser Erinnerungsfilm abzulaufen scheint. Ganz großes Gefühl, das denen, die in der ersten Reihe sitzen, Angst machen könnte. Wenn der Sänger zu seiner umwerfenden Americana-Mixtur aus Folk, Country, Blues und Rock plötzlich manisch den Kopf schüttelt, mit der Faust auf die Gitarre knallt, gefährlich die Augen verdreht, die im nächsten Augenblick wieder so tief und blau wirken wie ein klarer Gebirgssee. Bittersüße Short Stories über das Leben. Von der Sehnsucht, vom Weggehen, von der Liebe, vom Nachhausekommen, von Kindsein und Erwachsenwerden. Malcolm Holcombe, einer der Größten seiner Zunft, muss bei uns erst noch entdeckt werden. Berauschender Auftritt. H.P. Daniels

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