Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Mühling

POP

Polyphone

Grenzen

Konzerte der Tindersticks beeindrucken schon rein logistisch. Nach der Vorband vergehen Ewigkeiten, bis der Wald aus Mikrophonen, der das Parkett der Volksbühne überwuchert, von vier tapferen Technikern ausgepegelt ist. Endlich betreten 13 Musiker die Bühne, und weil das gerade mal die schlanke Tour-Besetzung der Tindersticks ist, werden die meisten von ihnen im Verlauf der nächsten zweieinhalb Stunden mehrfach die Instrumente wechseln müssen. Nichts weniger als die polyphonen Grenzen des Pop werden hier ausgelotet: Das setzt sanft ein, verdichtet sich sprunghaft zu tosender Gänsehaut-Grandezza, stürzt jäh wieder ab, und in den intensivsten Momenten klingt es, als stünden da mindestens zwei Symphonieorchester auf der Bühne. Mittendrin Stuart Staples, dessen unnachahmlicher Eichenfass-Bariton jede Klangwand durchdringt. Viel neues Material hat er auf den Spielplan gesetzt, Stücke von „The Hungry Saw“, dem siebten Studio-Album der Band aus Nottingham. Stilistisch nicht weit vom Vorgänger „Waiting for the Moon“ entfernt, wurde es dem Vernehmen nach unter massiven Geburtswehen eingespielt: Mehrere Gründungsmitglieder haben die Band 2006 verlassen, Staples arbeitet zunehmend an Soloprojekten. Es könnte das letzte Tindersticks-Konzert in Berlin gewesen sein. Nach vier Zugaben – ausnahmslos älteren Klassikern – tobt die Volksbühne. Jens Mühling

KLASSIK

Schöpferische

Fantasie

Von manchen Kennern der Szene werde er als Genie bezeichnet, behauptete das Ensemble Oriol etwas vollmundig über Kristian Bezuidenhout, dem Gastsolisten des 4. Abonnementskonzert im Kammermusiksaal. Wer immer diese Kenner auch sein mögen – völlig falsch liegen sie nicht. Zugegeben: der Pianist und Spezialist für historische Tasteninstrumente hat Mozarts Klavierkonzerte KV 37 bis 41 nicht selbst komponiert – aber das hat ja Mozart auch nur bedingt getan, als er sie im zarten Alter von elf Jahren aus Sonaten heute weitgehend unbekannter Zeitgenossen arrangierte. Doch in jedem Fall besitzt Bezuidenhout die Fähigkeit, die Stücke als jenen Gipfel des Genres erscheinen zu lassen, den sie im Jahr 1767 darstellten. Denn gerade am Beispiel von unscheinbareren oder gar modischen Werken der Mozartzeit, die noch auf die mitschöpferische Fantasie des Interpreten setzen, hat Bezuidenhout eine neue Qualität des Spiels auf dem Hammerklavier entwickelt: Wie er die differenzierte Phrasierungskunst eines Cembalisten mit der Klangfarbensensibilität eines Clavichordspielers und der virtuosen Präsenz eines moderneren Pianisten verbindet, wie er Ausdruck nie aus bloßem Nachdruck, sondern aus tausend Artikulationen und Farben gewinnt, wie er aus banalen Trommelbässen schimmernde Klangfarbenteppiche webt, wie er über jedes noch so unscheinbare rhythmische und harmonische Experiment frisch zu staunen vermag, ohne den formalen Überblick zu verlieren, das hat ihm so überzeugend noch kein Kollege vorgemacht. Kein Wunder, dass es dem Ensemble Oriol erst nach der Pause gelingt, für einige Momente mit diesem außerordentlichen aber fordernden Solisten zu verschmelzen.Carsten Niemann

KULTURGESCHICHTE

Schöne

Scheine

Beim Geld hört die Freundschaft auf, heißt es. Nun soll das Deutsch-Baltische Kulturjahr 2008 aber „vertrauensvolle Freundschaft und starke kulturelle Verbundenheit“ demonstrieren, wie Gernot Erler, Staatsminister im Auswärtigen Amt, betonte. Anlass seiner Eröffnungsrede war die Ausstellung „Geld in Lettland“, für die das Nationalhistorische Museum Lettlands als Gast im Münzkabinett des Bode-Museums begrüßt wird (Museumsinsel, Kupfergraben, bis 13. Juli, Katalog 5 €). Man kennt das: ein Fünfmarkstück rollt aus entlegenen Schubladenwinkeln ans Licht, ein beinahe schon vergessenes Stück Geschichte. In der Ausstellung sind es römische Münzen, arabische Dirhems, byzantinische Miliarense, auch Dukaten, Taler oder Groschen, die an die bewegte Historie Lettlands erinnern. Unter anderem wurde das Land von Wikingern, Deutschrittern, Polen und Schweden regiert, was teils kuriose Währungen mit sich führte. Der Wert des rechteckigen „Plattengelds“ aus Zeiten schwedischer Herrschaft (1621-1721) entsprach dem Marktpreis des Kupfermaterials – mit den pfundigen Zwei-Taler-Stücken könnte man Straßen pflastern. Das erste Papiergeld wurde ab 1769 gedruckt, da gehörte Lettland längst zum russischen Zarenreich. Dem lettischen Geldscheingestalter Rihards Zarins (1869-1939), der auch in Berlin studierte, ist eine Extra-Vitrine gewidmet. Seit 1993 ist der „Lats“ in Umlauf, und für 2009 visiert Lettland die Euro-Einführung an – falls sich die Inflation eindämmen lässt. Jens Hinrichsen

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