Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Die Suche

nach dem reinen Ton

Der Verzicht auf ein Orchesterspiel mit Vibrato kann Unbehagen verbreiten. Es scheint, als ob das Ohr auf einer gewissen Menge akustischer Gleitmittel beharrt. Sir Roger Norrington ist ein charmanter wie konsequenter Vibrato-Killer, eine „Aneignung des Klangs früherer Zeiten“ will der britische Maestro mit dem Verzicht auf das Klangschwellen erreichen. Bei seinem Auftritt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester legt Norrington ein Werk seines Landsmannes Ralph Vaughan Williams auf die Pulte, dem diese Klangästhetik im Kern entspricht. Die fünfte Symphonie, uraufgeführt 1943, ist die Feier eines Orts jenseits von Krieg und Verderben, der mit Inbrunst gesucht wird. Das könnte mit den sanglichen Streichern schnell nach Breitwandunterhaltung klingen, doch das Herbe des reinen Tons, das der Dirigent einfordert, schützt das verletzliche Werk vor einer Banalisierung. Aufs Podium der Philharmonie siedelt Norrington für Beethovens fünftes Klavierkonzert um und wirft Emanuel Ax über die Saiten seines Flügels beschwörende Gesten zu. Alert greift das DSO jeden Akzent auf, ohne in Daueremphase zu verfallen. Norringtons Beethoven kennt viele Abbrüche, auch leere Stellen. Nichts zum Mitsummen, auch weil Ax fulminant zwischen koboldhafter Pranke und zartem Tagtraum zu wechseln vermag. Ulrich Amling

LESUNG

Sinfonie der

verlorenen Hoffnung

Wer spricht? Es raunt und rauscht im Blauen Raum der Tribüne. Tote Stimmen ziehen den Zuhörer in die Vergangenheit, in das Jahr 1945. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges verebbt das Stimmengewirr, das Walter Kempowski in seinem zehnbändigen „kollektiven Tagebuch“, dem „Echolot“, heraufbeschworen hatte. Die Schauspielerin Heide Simon lässt den letzten Band „Abgesang 1945“ in einer mehrteiligen Lesung lebendig werden (Otto-Suhr-Allee 18, wieder 5. 5., 20 Uhr). Wie bei Kempowski prallen die Texte und Schicksale aufeinander: Unbekannte Stimmen von Soldaten, KZ-Häftlingen, Frauen und Kindern treten mit den Worten von Paul Valéry, Erich Kästner und Viktor Klemperer in Beziehung. Während eine Sekretärin aus dem Führerbunker von den letzten Bombendetonationen berichtet, erfreut sich ein Schüler an den sexuellen „Erschütterungen im Nachbarzimmer“ und am Liebesspiel eines Soldaten mit einer Frau. Dann schließen Berichte über Vergewaltigungen junger Mädchen an. Die Wirkung der Kempowski-Komposition ist enorm und potenziert sich durch den Purismus, den Heide Simon dem Stimmenchaos entgegensetzt. Nüchtern und eindrucksvoll gerät der Abend zu einer Sinfonie verlorener Hoffnungen. Kerstin Roose

KUNST

Weißes Rechteck

auf weißem Grund

Das älteste Gemälde der Ausstellung ist ein Klassiker: 1971 malte Ulrich Erben das weiße Ölbild „Ohne Titel“. Ein hochkant schwebendes Rechteck im Bild setzt sich von der Umgebung nur durch die glattere Oberfläche ab. Erben, Jahrgang 1940, zählt zu den wichtigsten Konkreten Malern seiner Generation. „Ich konkretisiere emotionale und atmosphärische Zustände“, hat der Künstler einmal gesagt. Allein ein unbetiteltes Acrylbild mit grünen Pinselgesten vor Grauviolett mag den Betrachter an eine Seenlandschaft mit Bäumen erinnern – und eine Verbindung zum Idyll vor dem Mies-van- der-Rohe-Haus herstellen (Oberseestraße 60, bis 29. 6., Di–So 11–17 Uhr, Katalog 10 Euro). Das Dialogprinzip bestimmt die Hängung. Ein Paar bilden zwei Großformate in der Halle, die aus jeweils einem Raster von 16 Flächen bestehen. „Ohne Titel IX“ besticht durch kühle Farbigkeit, während auf „Ohne Titel IV“ orangefarbene „Fenster“ glühen. Der Ausstellungstitel 2+8 ist treffend: Zwei kleinformatige Lackbilder setzen sich in ihrer Flächigkeit von den anderen acht Gemälden ab. Erbens Malerei zieht magisch in die Tiefe. Jens Hinrichsen

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