Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Satt, tief,

quadratisch

Der Abend beginnt mit einer berückenden Solo-Performance der Gitarrenkünstlerin Anne Rolfs alias Allroh, die mit ihrer verflossenen Band Wuhling wie so viele andere im Tonstudio des Mannes gewesen ist, auf den im ausverkauften Maria am Ufer alle warten: Steve Albini, der schwierige Erfolgsproduzent aus Chicago, ein Pedant und Medienverweigerer, der darauf besteht, dass niemand umsonst in seine Konzerte reinkommt. Seit 1994 schreitet er mit Shellac die Grenzen des minimalistischen Powertrios ab, dekonstruiert Rock und präsentiert das Ergebnis als moderne Musik, deren konzentrierter Blick auf den Rhythmus eine Konstante entdeckt hat, von der schon Gang Of Four oder MX 80 Sound wussten.

Dabei klingt die Band noch immer so, als sei sie von elektrischem Draht umzäunt, der auf Berührung mit blitzartiger Entladung reagiert. Besonders Albinis Gitarre klingt, als würde sie permanent von elektrischen Schlagstöcken malträtiert. Wobei der ZZ-Top-Fan seine Gitarre nicht mit dem Schultergurt trägt, sondern wie eine Bazooka um die Hüfte geschnallt hat, während der grandiose Todd Trainer mit den dicken Griffenden seiner Drumsticks auf Blech und Felle drischt, um zusammen mit den Betonplatten-Basslinien von Bob Weston das rhythmische Gerüst für die schräg gesetzten Attacken der metallischen Albini-Gitarre zu schaffen. So kommt zum Tragen, was Shellac immer ausgezeichnet hat: ein psychotisches Wechselbad aus glühender Lava und schäumendem Boogie-Trash, der jedoch nie in nervöses Gehacke ausartet. Satt, quadratisch, tief. Ein großartiger Batzen Musik, der keine Einwände gestattet und nochmals den Stand der Dinge benennt. Bis sich die Band und das Publikum nach neunzig Minuten Spielzeit ebenso taub wie glücklich bei einem Bier erholen dürfen. Volker Lüke

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