Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Erst die Zwangsjacke,

dann der Teufelsritt

Die Götter haben Maurizio Pollini ein schweres Schicksal aufgeladen: Sie beschenkten ihn zwar mit der Gabe phänomenalen Klavierspiels, doch zugleich belegten sie ihn mit dem Fluch des Lampenfiebers. Seit fast fünfzig Jahren kämpft Pollini gegen diesen Dämon an, und auch bei seinem Soloabend in der nahezu ausverkauften Philharmonie liegen die Nerven blank. Kopfüber stürzt er sich in Schumanns „Kreisleriana“, rast durch die schnellen Nummern, als würde er vor der Musik davonlaufen, zerkrümelt die langsamen Passagen, als ob er Angst hat, seinem Herzen die Freiheit des Aussingens zu erlauben. Schumann in der Zwangsjacke starrer, dynamisch monotoner Klangblöcke.

Erst nach der Pause lockert sich die Anspannung ein wenig: Chopin war seit jeher Pollinis ureigenstes Terrain, und mit jedem Stück scheint ein Stück mehr von der Last abzufallen, die auf seinen Schultern liegt. Die Mazurken Opus 33 sind vier scharf geschnittene Edelsteine, im cis-moll-Scherzo und die F-Dur-Ballade weicht das angespannte Grundlinienspiel langsam einem freieren Zugriff. Ganz bei sich ist Pollini allerdings erst nach dem Kraftakt der As-Dur-Polonaise, doch da ist das offizielle Programm auch schon zu Ende. Zum Glück gibt es die Zugaben, die Pollini großzügig wegschenkt. Natürlich wieder Chopin: In der ersten Ballade und im dramatisch aufflammenden Des-Dur-Nocturne ist alles wieder da – Klangfarben, Bögen, großer Atem und auch jene schlichte Empfindungstiefe, die die klassischen Formrisse erst mit Leben füllt. Und ganz zuletzt die Etüde Opus 10,4 als Teufelsritt bei vollem Verstand, gestochen scharf in den Bassnoten, elektrisierend, mit heißem Herzen. Das kann sonst keiner. Ein Sieg über die Götter. Jörg Königsdorf

POP

Erst der Post-Punk,

dann die Postbank

Auf dem Debüt der Long Blondes „Someone to Drive You Home“ von 2006 fanden sich ein paar nette Songs. Hübscher, naiv rappeliger Girliepop, in dem sich Anklänge an Blondie, Kim Wilde und Suzie Quatro mit wilden Gitarren fröhlich mischten. Mit dem neuen Album „Couples“ orientiert sich die Band aus Sheffield neu. Von Gitarren zu Synthies, von Post-Punk zu Postbank, vom GlamourLicht zur Disco-Düsternis.

Live im Lido beginnt es mit einem pompösen Intro aus der Dose: schrille Bläserstöße und Gegeige gehen über ins Eigengetöse der Long Blondes, das sich vage zu einem Song entwickelt. Rhythmische Monotonie, dazu Tänze in bizarr roboternden Bewegungen. Frontfrau Kate Jackson wirkt wie eine Puppe, wie eine Jane-Fonda-Barbarella im Schaufenster eines coolen Pop-Art-Ladens. Reizend zappelt sie in Ringelhemdchen und extrem kurzen Hotpants. Und die Stimme schrillt dazu. Dorian Cox riffelt schräge Schrabbeleien auf der Telecaster De Luxe. Emma Chaplin steht hinterm hohen Keyboard wie auf einer Kirchenkanzel, Reenie Delanay schrubbt einen stoischen Bass und hinten hämmert Screech Louder ins Schlagzeug. Manchmal spielt Emma Gitarre, so wie früher, dann klingt es interessanter, so wie früher. Dann kommt ein schöner Refrain ins Spiel und mehr Melodik. Dennoch klingt es bemüht, überanstrengt, künstlich, ein bisschen unecht. Nach einer Stunde ist Schluss. Reicht auch. H.P. Daniels

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