Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KABARETT

Gutes Brot gibt’s

nur in Deutschland

Ehrenbürgerin Gayle Tufts? Keine schlechte Idee – findet sie und macht dem Regierenden im Publikum schöne Augen. Nach 17 Jahren in Berlin und 13 Bühnenshows verkörpert die amerikanische Entertainerin geradezu die Internationalität dieser Stadt. Mit ihrer neuen Show „Gayle Tufts rockt!“ will sie im Tipi zeigen, dass sie auch zu härteren Tönen fähig ist. Es ist ein Ausflug, eine Rückkehr in die Zeit, als sie Stunden damit verbrachte, die LP-Cover ihrer Idole David Bowie, Sting oder Led Zeppelin anzustarren („Versuchen Sie das mal mit einer CD oder einem iPod!“). Gayle Tufts ist dabei so empathisch und liebenswürdig wie immer. Im schwarzen Kleid mit goldenem Gürtel sieht sie aus wie eine Hippie-Mama, unter Einsatz ihrer Körperfülle tanzt sie in perfekt austarierter Choreographie mit ihren Tanzpartnern Jeannette Claßen und Steven Seale, die ein guter Griff sind. Sie plaudert in bewährtem Dinglish über Berlin als Work in Progress, dass sie manchmal schreiend vom Alex nach Zehlendorf rennen könnte, und über die Deutschen („Du kannst ihnen die schönsten Orte zeigen, sie sagen doch immer wieder: Ja, aber es gibt kein gutes Brot“). Eine richtige Rockröhre hat sie nicht, dazu ist ihre Stimme doch zu sanft und hell, aber die Show funktioniert. Und für den richtigen Sound sorgen sowieso die Bandmitglieder (Leitung: Bene Aperdannier). Die Ehrenbürgerwürde dürfte näher rücken. Udo Badelt

CHANSON

Die Federboa

um den Hals

Wenig Schönes ist zu berichten von Ute Lempers Konzert im Admiralspalast. Ihre Stimme klingt zwar gut, ihre Band begleitet sie makellos. Das blonde Haar liegt perfekt, die schwarzen Pumps sind sehr elegant. Trotzdem geraten diese zwei Stunden, die unter dem Allesfresser-Motto „Between Yesterday and Tomorrow“ des neuen Albums stehen, zu einem konzeptlosen Abend: Lemper stöckelt durch ein schier unerträgliches Medley aus Jazz, Chanson und Vorkriegsschlager. Man macht sich fast Sorgen um sie. Ihr „s“ ist maniriert. Ihre Bewegungen sind Zitate von Bewegungskonventionen. Ihre Naivität wirkt genauso falsch wie ihre Verruchtheit: Die 44-Jährige ist viel zu intelligent, um das schlichte Großstadtmädchen zu geben, das mit den Herren in der ersten Reihe flirtet, ihre Stimme zu filigran, um sie knattern zu lassen wie Sarah Connor. Wäre sie doch beim deutschsprachigen Repertoire geblieben, denkt man sich da, doch ist ihr auf der langen Reise in die vielen Auslande anscheinend auch noch die Muttersprache verloren gegangen. Lemper zappelt vom Englischen ins Deutsche, hinüber ins Jiddische und zurück zum Französischen. „Dieses Stück war in den fünfziger Jahren geschrieben“, sagt sie, erzählt von Aufnahmesitzungen in New York oder von neulich in Jerusalem, schlingt sich eine Federboa um den Hals und spricht von Politik. Und hätte sie doch einen Lichttechniker, der das Ganze nicht auch noch in ältlichen Mustern ertränkte! Schön ist manches. Ja, immer mal wieder. Christiane Tewinkel



DANCE

Elf Jahre zu spät

und dennoch pünktlich

Jetzt aber los! Ein paar Orgelakkorde und schon setzt der Beat ein, übersteuert und gewaltig. Das Elektro-Duo Digitalism beginnt den Abend im Postbahnhof mit einem Schwung, den sie in den nächsten anderthalb Stunden nicht verlieren werden. Eile ist angebracht, ist man doch in Verzug – so ungefähr um elf Jahre. Damals haben die Franzosen Daft Punk ihr Album „Homework“ veröffentlicht und das Genre House revolutioniert, indem sie es mit der Wurstigkeit des Schweinerocks, dem Pomp des Funk und der Direktheit des Punk verbanden. Momentan erlebt diese Clubmusik eine Renaissance. Die Hamburger Jens Moelle und Ismail Tüfekci, die ihr Debüt „Idealism“ im vergangenen Frühjahr veröffentlichten, sind mit ihrem Projekt Digitalism ein bedeutender Teil dieser Welle. Musikalisch verweisen sie mit atemlosem Gesang, treibender Bassline und verzerrten Sounds auf das Prinzip Punk-Band. Live können sie das Versprechen von körperlicher Verausgabung nicht halten: Da wird an Knöpfen gedreht, aufs beigestellte Schlagzeug gedroschen und mit tapsigem Sprechgesang aufgewartet. Aber diese Musik! Obwohl sie sich mal zu 8-Bit-Geklimper, mal zu dünnen Achtziger-Synthies wandelt, plötzlich als wuchtiges Schützenfest- Dancegeheul aufbäumt, obwohl sie zerstört und gebrochen wird durch Noise und Breakcore, wirkt sie doch wie aus einem Guss. Digitalism haben sich den Respekt der älteren Brüder, die damals zu Daft Punk tanzten, mehr als verdient. Daniel Völzke

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