Kultur : KURZ & KRITISCH

Philipp Lichterbeck

THEATER

Ausweitung

der Ausweisungszone

Was heute der „illegale Ausländer“ ist, das war in den 1920er Jahren der „lästige Ausländer“. Der dehnbare Begriff war amtlich und in Bremen gar Begründung für Ausweisungen. Die Akten von damals hat die Bremer Shakespeare Company als Vorlage für eine szenische Lesung genommen. Sie entpuppt sich als hochaktuelles Lehrstück über die politische Verwaltung menschlicher Schicksale. Die Truppe gastiert im altehrwürdigen, wegen des riesigen Zuschauerinteresses stickigen Plenarsaal des Oberverwaltungsgerichts Berlin. Am mächtigen Richtertisch tragen vier Schauspieler aus dem Schriftverkehr zwischen Betroffenen, Anwälten, Senatoren und der Polizei vor. Lebensläufe und Schicksale werden skizziert, eine Topografie bürokratischer Diskriminierung schält sich heraus. Etwa der Arbeiter Ludwig Tokarz: wohnt seit 17 Jahren mit fünf in Bremen geborenen Kindern in der Hansestadt. Nun soll er wegen Diebstahls von Fett nach Polen zurück.

Es galt der Grundsatz: Der Zuzug aus dem Osten ist zu verhindern. Wer nicht von „wirtschaftlichem Interesse“ war, hatte schlechte Karten. Was also sich seit damals geändert hat, will im Anschluss an die Vorführung eine Podiumsdiskussion klären. Der Präsident des Oberverwaltungsgerichts, Jürgen Kipp, räumt ein, die Grundmuster seien „gleich geblieben“, doch hätten wir heute einen rechtsstaatlichen Zugewinn. Rechtsanwalt Eberhard Schulz widerspricht und führt die Abschiebehaft an, in die Menschen ohne Vergehen gesteckt werden. „Der Ausländer ist hierzulande ein Objekt.“ Zuständig für Abschiebungen in Berlin ist Roland Brumberg von der Ausländerbehörde. Er zeigt sich als Beamter: ausführendes Organ, keine Zweifel an der Praxis. Neben ihm: die innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Ulla Jelpke. Sie will das Ausländerrecht gleich ganz abschaffen. Und erntet Applaus. Ein Stück mit den Akten aktueller Verfahren ist in Arbeit. Philipp Lichterbeck

POP

Sie sehen

zu gut aus!

Man wüsste gern, warum die Hypemaschine bei vielen Britpop-Bands funktioniert und bei anderen nicht. These New Puritans etwa scheinen alle Anforderungen an einen Fankult zu erfüllen: ein junges Quartett aus dem verödeten Badeort Southend-on-Sea, dessen Sound sich an zeitlosen Disco-Punk-Referenzgrößen wie Gang Of Four und The Fall orientiert und von Modezar Hedi Slimane als hippe Untermalung für Laufstegshows gebucht wurde. Trotzdem ist bei ihrem ersten Berlin-Auftritt selbst der kleine Magnet Club nur mau besucht, die üblichen Easyjet- Konzerttouristen fehlen völlig. Schade, denn auch wenn sie ihre Keyboarderin zu Hause gelassen haben, machen die verbliebenen drei Puritans ordentlich Dampf. Sänger und Gitarrist Jack Barnett trägt einen flamboyanten Schuppenpanzer und pflegt ein näselndes, kunstvoll verschlepptes Timing. Sein beiläufiges Saitengeschrängel verdichtet sich zu elektrischen Mückenschwärmen, die wütend um die eisigen Melodielinien schwirren. Und Zwillingsbruder George ist ein disziplinierter Brachialdrummer.

Beide könnten, ebenso wie Bassist Thomas Hein, vom Fleck weg als Models arbeiten. Vielleicht ist das ihr Problem, denn britische Popmusiker sehen ja normalerweise eher nicht so gut aus. Eventuelle Glaubwürdigkeitsdefizite sind nach dem stellenweise mitreißenden 40-Minuten-Auftritt dennoch gegenstandslos. Jörg Wunder

KLASSIK

Cellos singen,

Mütter stillen

Vor dem Konzerthaus flattern blau-weiße Wimpel im Wind. Gefeiert wird der 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels, die Besucher reden, lachen, singen. Drinnen gibt es Klänge anderer Art. Die jüdische Gemeinde Berlin hat das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt (Oder) eingeladen, Werke von Josef Tal, Noam Sheriff und anderen jüdischen Komponisten zu spielen. Bei der Nationalhymne haTikwa haben die Musiker unter dem Chefdirigenten Howard Griffith noch Mühe, dem schwankenden Tempo der kleinen Chorsänger von der Heinz-Galinski-Schule hinterherzuspielen. Dann aber gelingt alles. Solist Rafael Wallfisch, dessen Mutter zu den letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz gehört, bringt in „Schelomo“ sein Cello zum Singen. Das Stück, von Ernest Bloch 1916 geschrieben, ist voller jüdischer Liturgie und Volksmusik. Zwischen den an- und abschwellenden Phrasen meldet sich immer wieder das Cello zu Wort. Mit feinen dynamischen Abstufungen erspielen sich Griffith und das Orchester die Aufmerksamkeit der Hörer – und das, obwohl das Publikum auf den Rängen durch ständiges Kommen und Gehen, Unterhaltungen über mehrere Reihen hinweg und sogar das Stillen von Kleinkindern eine Art Gegenkonzert veranstaltet.

Die bis dahin doch arg pessimistische Musik hellen am Schluss die lichten und heiteren Klänge von Pavel Haas’ Suite aus der Oper „Scharlatan“ auf. Solange aber leider finster dreinblickende Männer mit Knopf im Ohr das Konzerthaus sichern müssen, ist Israel noch weit davon entfernt, der normale Staat zu sein, den Wolfgang Thierse sich in seiner Eingangsrede wünscht. Udo Badelt

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