Kultur : KURZ & KRITISCH

Eva Kalwa

MUSICAL

Des Meeres

und der Liebe Wellen

Fröhlich kullert das Glasauge des Zuhälters Hyppolite die Bühne hinunter, mitten hinein in die lachenden Zuschauer. Der Schlag von Nestor hat gesessen: Irma La Douce, das süße Straßenmädchen, gehört nun endlich ihm. Doch damit geht der Ärger erst so richtig los – und ein wunderbarer Abend in der Tribüne (bis 24. Mai) auch. Katharine Mehrling ist die Protagonistin in Alexandre Brefforts Musical von 1956, eine Frau voller Witz, Charme und Mut – und jeder Menge Sexappeal. Mehrling kitzelt die feinen, komischen wie tragischen Nuancen des Freudenmädchen-Daseins im märchenhaft verklärten Montmatre-Milieu wunderbar heraus, singt Chansons der „Piaf“- Komponistin Marguerite Monnot mit Samt-Stimme, einem Hauch Straßenstaub und viel, viel Herz. Das gehört dem aufrechten Nestor (Andreas Gergen), der sich unfreiwillig in der Rolle des neuen Zuhälters wiederfindet und vor Eifersucht fast vergeht. Gergen hat auch Regie geführt, zusammen Christian Struppeck: Herrlich, was den beiden unter anderem zum Thema Meer, Wellen und Möwen einfällt – ein kindlich-geniales Spiel mit mitreißenden musikalischen Momenten.Eva Kalwa

KLASSIK

Streicherschmelz

und Kratzattacken

Der Markt für Streichquartette istäußerst eng. Umso bewundernswerter, dass junge Ensembles wie das Prager Pavel Haas Quartett (benannt nach dem in Auschwitz ermordeten Komponisten) über Jahre hart an einer ungewissen Karriere arbeiten. Im Kammersaal wird das Programm der vie Musiker spannender, je näher uns die Werke in ihrer Entstehungszeit kommen. Smetanas Quartett „Aus meinem Leben“ zeichnen sie mit ungekünstelter Freude am romantisch-slawischen Idiom nach. Prokofjews erstes Streichquartett bietet dem Ensemble noch mehr Gelegenheit zu sattem Melodiespiel und rundem, dabei sehr definiertem und nie süßlichem Ensembleklang. Der Höhepunkt des Abends aber ist das erste Quartett von Janácek. Harsche, fast brutale Kratzattaken stehen neben labilen, bröckeligen Klängen, das Quartett gibt sich mit Freude der expressiven Körperlichkeit dieses Werks hin. Hier wächst, diesen Eindruck hinterlassen die jungen Musiker nach einer hinreißenden Dvorák-Zugabe, ein Streichquartett mit klarem Klangprofil und guten Zukunftsaussichten heran. Ulrich Pollmann

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