Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Näher, mein Gott,

zu Dir!

Der Erfolg nahm den Umweg über Deutschland: Als Edward Elgars „The Dream of Gerontius“ 1900 seine Uraufführung in Birmingham erlebte, stieß das Werk auf Unverständnis. Erst nachdem das gegen alle Konventionen des viktorianischen Musikbetriebs komponierte Oratorium beim Rheinischen Musikfest in Düsseldorf bejubelt worden war, fand es auch in Großbritannien Anerkennung. Ein symbolträchtigeres Werk hätten sich der Philharmonische Chor Berlin und die Salisbury Musical Society kaum für ihr drittes Gemeinschaftsprojekt aussuchen können: Seit 1987 besteht die Freundschaft der beiden Laien-Formationen, am Sonntag füllten die vereinigten choralen Massen die Bühne der Philharmonie, am 17. Mai werden sie zusammen in der Kathedrale von Salisbury auftreten.

Elgar zeichnet in seinem „Gerontius“ den Weg einer frommen Seele vom Tod über die Visionen des Himmels bis ins Fegefeuer nach. Ästhetisch orientiert er sich am späten Richard Wagner und an der deutschen Romantik, entwickelt aber doch eine eigene Klangsprache der gedeckten Farben. Auftrumpfendes Fortissimo-Pathos ist dem Katholiken fremd, der als Tonsetzer stets mehr Melancholiker denn Sanguiniker war, allein die Totenklage des Gerontius lädt er im Stil der italienischen Oper auf. Dirigent Jörg-Peter Weigle manövriert das Staatsorchester Halle und die perfekt präparierten Chöre souverän durch das 90-minütige Werk, Peter Auty hat die nötige tenorale Attacke für die Titelpartie, Paul Whelan ist ein Priester mit Stentorstimme, Jane Irwin ein sanfter, mütterlicher Engel. Ein erhebendes Pfingstkonzert: Praise to the Holiest! Frederik Hanssen

THEATER

Ein Mann

in Liebesnot

Das Stück datiert von 1915. Aber sein Humor wirkt biedermeierlich, das Geschlechterbild stammt aus der Steinzeit, und die Typen, die es vorführt, sind von vorgestern. Es heißt „Fair and Warmer“, zu Deutsch Der Mustergatte. Heinz Rühmann hat die Titelrolle über 2000 Mal gespielt, jetzt hat Jürgen Wölffer Avery Hopwoods Lustspiel in der Komödie am Kudamm inszeniert(tägl., bis 18. Mai).

Dass der Abend dann doch kurzweilig wird, liegt auch an den Schauspielern, die sich angemessen schamlos in die Posse stürzen. Marcus Ganser spielt mit furioser Wurstigkeit den Bankdirektor Manni Bartels, einen Kerl, der so lieb ist, dass seine Frau (Adisat Semenitsch als heißblütige Dancing Queen) mit Scheidung droht, angestachelt vom Hausfreund Freddy (schön schmierig: Gerd Lukas Storzer). Manni sucht Rat bei seinem Nachbarn, dem Staatsschauspieler Jochen Räder (Peter Fricke als Filou mit Zwang zum klassischen Zitat), der weiß, wie’s mit den Frauen läuft. Um Eifersucht zu entfachen, schlittert Manni in ein folgenreiches Besäufnis mit Räders Gattin Karin (Wölfin im grauen Mauspelz: Christine Schild). So dünn die Vorlage sein mag, Wölffer inszeniert’s wie ein Musterbeispiel rasant getimten Boulevards. Applaus. Patrick Wildermann

FILM

Ein Missionar

in Mecklenburg

Warum nicht Sambia? Oder Ecuador? Nein, es musste Mecklenburg-Vorpommern sein. Vielleicht wegen des Doppelnamens: 22 Jahre hat der schwäbische Missionar Jakob Walter in Papua-Neuguinea christliche Seelenfängerdienste geleistet. Dann wurde er nach Neubrandenburg versetzt, um in der ostdeutschen Diaspora Schäfchen zu werben. Keine leichte Aufgabe, denn die Nordlichter reagieren bestenfalls verständnislos, meist aber unwirsch und grob. 80 Prozent sind hier konfessionslos, und im Unterschied zu Sambia gibt es nicht einmal eine religiöse Grundgestimmtheit. Die Filmemacherinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler wurden 2003 mit „Schotter wie Heu“ bekannt – einer Doku über das kleinste Bankhaus Deutschlands. Beide sind in Süddeutschland und eher religiös aufgewachsen. Ihre Neugier erwachte, als sie von der neuen Ostmission in der Zeitung lasen – und sich der behäbige Missionar Walter dem Projekt gegenüber offen zeigte.

Für Der große Navigator begleiten die Regisseurinnen ihn, wenn er Jugendliche in der Fußgängerzone für das aus dem Berliner Tränenpalast übertragene „Jesus-House“ zu agitieren versucht oder die lokale Gymnastikgruppe unterwandert. Und finden in Sachen Gott vor allem Häme. Für manche klingen die frommen Klampfen-Lieder wohl zu sehr nach FDJ, die Black-Metal-Punks vom Marktplatz jedenfalls lassen sich damit kaum gewinnen. Detailliertere Aufklärung über die bizarre Veranstaltung bietet der Film aber ebenso wenig wie zu den Auftraggebern des Menschenfischers, dessen Schwung erlahmt: „Lesen Sie’s einfach mal durch, bevor sie’s in den Papierkorb werfen“. Etwas mehr Beharrlichkeit hätte dem „Großen Navigator“ nicht geschadet. (fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe) Silvia Hallensleben

KARIKATUR

Ein Mutiger

im Magazin

36 Jahre lang, zwischen Mai 1954 und Juni 1990, stieß Herbert Sandberg in der Kult-Zeitschrift „Magazin“ den Ostlern ein Fenster auf: „Der freche Zeichenstift“ hieß die Serie, in der der Karikaturist das Schaffen von Kollegen in Wort und Bild vorstellte. Neben Klassikern des Genres wie Thomas Theodor Heine gehörten von Anfang an auch Westzeichner dazu, Michael Matthias Prechtl, HAP Grieshaber oder Chlodwig Poth. Die Akademie der Künste würdigt Sandberg nun zum 100. Geburtstag (Pariser Platz 4, bis 31. Mai). Im Oktober 2007 übernahm das Akademie-Archiv den Nachlass von Sandberg, der 1991 gestorben ist. Für gewissenhafte Archivare ist ein halbes Jahr viel zu wenig Zeit, um eine gute Ausstellung vorzubereiten. Die drei lieblos arrangierten Tischvitrinen mit schlecht lesbaren Reproduktionen, die nun vor dem Archivlesesaal stehen, sind allerdings ein Skandal. Ohne nur den Hauch einer Inspiration wird Sandbergs Leben und Werk ausgebreitet. Dabei gäbe es genug Interessantes, gab Sandberg doch zwischen 1945 und 1950 mit dem Segen der Amerikaner und Russen das Satiremagazin „Ulenspiegel“ heraus und lavierte zeitlebens zwischen politischer Anpassung und selbst erkämpften Freiräumen. Ein Kampf gegen die Windmühlenflügel der Fantasielosigkeit. Auch posthum. Michael Zajonz

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