Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Midori schwärmt

von der Moderne

Es sollte die normalste Sache von der Welt sein, wenn eine große populäre Violinistin einen Abend lang nur Musik von lebenden Komponisten spielt. Doch weil dem nicht so ist, wirkt das Programm, das sich Midori zu ihrem 25. Bühnenjubiläum gegönnt hat, erfrischend radikal. Das 1971 geborene einstige Wunderkind hat so ziemlich alle musikalischen und technischen Herausforderungen gemeistert, die der Betrieb bereithält. Doch im Radialsystem tut sie, woran es der zeitgenössischen Musik noch immer bitter mangelt: Sie wagt es, von ihr zu schwärmen. Gewiss: Der traditionelle Violinabend mit seinem klassisch- romantischem Repertoire schimmert als Vorbild sowohl in den Kompositionen als auch in der Gestaltung durch. In Pendereckis Sonata Nr. 2 sind beispielsweise die Rollen zwischen Virtuosin und Klavierbegleiter (wunderbar präzise: Charles Abramovic) klar verteilt, und Midoris interpretatorisches Ziel ist es auch nicht, dies in Frage zu stellen.

Um so deutlicher treten bei ihrer körperlich-emphatischen und stets um Ästhetik des Klangs bemühten Gestaltung die Momente hervor, in denen sich Innovation nicht in der antiromantischen Geste erschöpft. So gelingen der Geigerin expressive, aber messerscharf gezogene Glissandi, die im gleichen Augenblick als Linie wie als Seufzer glaubwürdig sind. Einen starken Schluss des klug komponierten Programms bieten John Adams „Road Movies“: Sie steigern den Eindruck von Midoris technischer Virtuosität überraschend dadurch, dass sie diese vor allem auf den Aspekt des Rhythmus reduzieren. Carsten Niemann

POP

Hippies und Holzfäller

rocken den Heuschober

Der milde Mai-Abend und viel erfrischende Musik machen es möglich: Obwohl die Luft im gut besuchten Kreuzberger Lido zum Schneiden dick ist, kommt bei der 25 Jahre Haldern Pop Tour fast Open-Air-Feeling auf. Dazu trägt auch das Festival-ähnliche Hin und Her des Publikums zwischen Konzerthalle und Biergarten bei. Los geht es mit The White Rabbits, sechs New Yorker Jungs, die ein wenig klingen wie Arcade Fire ohne Akkordeon. Zwei wirbelnde Schlagzeuger und die getriebene Stimme von Steve Patterson ergeben eine ausgelassene Heuschober-Mukke.

Der nächste Auftritt erzeugt eine völlig andere Stimmung: Sängerin Soko hat aus Paris eine Lampe in Form eines weißen Kätzchens mitgebracht, was perfekt zu ihrem Neo-Hippie-Stil passt. In ihrer Stimme liegt das gleiche süße Lächeln und Nuscheln wie in ihrem Radiohit „I’ll kill her“ (sprich: Ei’ll kill öhhr), den sie aber an diesem Abend partout nicht spielen will. Dafür gibt es sehr viel Gekicher, einige gefällige neue Songs sowie die Erkenntnis, dass sogar Französinnen in natura weniger „grazil“ sein können als die PR-Abteilung behauptet. Danach wird es nordisch-melancholisch mit Lonely, Dear aus Schweden, die in Holzfällerhemden auftreten: sympathisches, weiches Singer-Songwriting, hübsch gezimmert von Emil Svanängen. Laut und schnell singen dann noch die britischen Guillemots über Vögel und andere Zweibeiner. Sie schrammeln die Gitarrensaiten heiß und beenden damit einen abwechslungsreichen Abend. Eva Kalwa

ARCHITEKTUR

Dynamische Gebirge

aus Beton und Keramik

Sie sind auf dem Sprung, Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano vom Madrider Architekturbüro Nieto Sobejano. Mit ihren im Bau befindlichen oder schon realisierten Projekten in San Sebastian, Cordova und Saragossa, in Halle und Graz erobern sie derzeit die Topliste europäischer Architekten. Zudem wird Enrique Sobejano ab Herbst an der Berliner Universität der Künste lehren. Höchste Zeit, dass die Berliner Architekturgalerie Aedes den Spaniern eine Ausstellung widmet (Aedes am Pfefferberg, Christinenstraße 18/19, bis 30. Mai, Katalog 10 €). In einigen Monaten wird man auch von Berlin aus bequem am Beispiel des Hallenser Museums Moritzburg erleben können, was die Qualität von Nieto Sobejano ausmacht: so selbstbewusste wie intelligente Ergänzungen im historischen Bestand, dramatische Innenräume, skulpturale Dachlandschaften. Eine Handschrift, prägnant ohne Gefahr zu laufen, zum Modegag zu verkommen. Der Weg „zu einer sinnlichen Baukunst, einem spannungsvollen architektonischen Gewebe in Raum und Zeit“, so Ausstellungskurator und Tagesspiegel-Autor Jürgen Tietz im Katalog. Für Saragossa entwarfen Nieto Sobejano das Kongresszentrum der diesjährigen Expo: ein dynamisches Gebirge aus Beton, Glas und weißen Keramiktafeln, das sich dennoch problemlos in das Stadtgefüge eingliedert. Und gerade bei ihren Projekten für Deutschland und Österreich zeigt sich, was der Architektur hierzulande allzu oft abgeht: ein wenig mehr Mut zum Abheben. Michael Zajonz

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