Kultur : KURZ & KRITISCH

Eva Kalwa

THEATER

Im Reich

der Fragezeichen

Mit spitzen Worten tasten sie die eigene Silhouette ab. „Hast du Grenzen, bist du ein Land?“ fragen sie einander, nur kurz in Sichtweite, dann wieder stumm auseinander taumelnd. Die Sprache zerfasert dem Mann (Lajos Talamonti) zwischen den gespannten Lippen, konvulsiv zuckt der Körper der Frau (Beatrice Fleischlin) aus Bewegungszwang und -lust. Das performative Konzert Wann stören wir uns endlich von Andreas Liebmann im Ballhaus Ost (Pappelallee 15, heute und 22.-24.5., 20 Uhr) ist waches, intelligentes Gegenwartstheater. Verspielt aber ernsthaft, analytisch aber nicht zentnerschwer. Die Uraufführung des Schweizer Autors und Regisseurs, der in seinem Fünf-Personen-Stück auch selbst mitspielt, zeigt Menschen auf der Suche nach Strukturen, nach sprachlichen, biographischen wie zwischenmenschlichen Ankerplätzen. Kaum haben die Grenzgänger sich oder was sie für ihr beschreibbares Ich halten gefunden, schon kommt ihnen der Umriss ihrer Identität wieder abhanden, und die Suche beginnt erneut. „Ich hatte immer dieselbe Frage im Kopf, und es war die falsche“, sagt die Frau erstaunt, müde und aufbruchsfroh zugleich. Der Mann denkt über die Notwendigkeit eines Elefantengedächtnisses nach und warum es so schwer ist loszulassen, selbst einen alten Tisch. Antworten gibt es auch nach einer guten Stunde keine, interpretative Schnellschüsse Fehlanzeige. Aber strukturelle Freiräume sind entstanden, in denen sich fröhlich neue Fragen tummeln. Eva Kalwa

TANZ

Im Bann

der Streifenhörnchen

Brendan Dougherty, Musiker und ein Bär von einem Mann, betritt in putzigem Knut-Kostüm die Bühne. Der Choreograf Jeremy Wade in grünen Shorts und weißen Mokassins macht dann ernst mit der Verniedlichungsstrategie. In Throwing Rainbows Up im HAU 3 (noch mal am 16.5., 20 Uhr) sind Wade und seine Partnerin Anja Sielaff geradezu durchdrungen von infantilen Sehnsüchten. Mit aufgerissenen Augen stehen sie erwartungsfroh da, stoßen Piepslaute aus und träumen sich in einen Streichelzoo. Die Freizeitspießer mit der Intelligenz eines Streifenhörnchens sind kaum auszuhalten, denn hinter der seligen Naivität lauern Frohsinnsterror und Freudenkrampf.

Der New Yorker Choreograf und Tänzer Jeremy Wade steht für eine zeitgemäße Version des Grotesktanzes, seine Produktionen sind in ihrer Wut und ihrem Irr-Witz ein Antanzen gegen eine Kultur des Scheins und der Verdummung. Seine „zerkratzten“ Studien von Vehaltensweisen arbeiten mit physiognomisch-körperlichen Verzerrungen – oft mit haarsträubenden Effekt. Von sexueller Entgrenzung und mystischer Verzückung handelten seine früheren Produktionen. Hier geht es eher um Demaskierung, um Kontrolle und die Angst vor dem Kontrollverlust. Da werden Münder zum gierigen Schlund, die fitnessvernarrte Blondie turnt bis zum Umfallen. Wade kriecht auf allen vieren wie ein dressiertes Hündchen oder gibt den miesen Entertainer. Wenn die beiden sich am Ende in Posen leerer Exaltation ergehen, ist das von grandioser Lächerlichkeit. Scheinbar mühelos vermag Wade Bewegungen zu sampeln und zu verzerren. Die Dramaturgie ist zwar etwas holperig, aber in ihren besten Momenten mutet die Performance wie ein schriller Live-Comic-Strip an. Sandra Luzina

KLASSIK

Im Land

der Plastikschlangen

Von ihrer Asientournee 2005 haben die Berliner Philharmoniker nicht nur die lebensechten Plastikschlangen mitgenommen, mit denen sie in der Dokumentation „Trip to Asia“ ahnungslose Passanten necken. Der Bratscher Wolfgang Talirz lernte in China auch Xu Ke kennen: einen charismatischen Virtuosen auf der traditionellen zweisaitigen Kniegeige Erhu. Die Einladung des chinesischen Musikers in den Kammermusiksaal verbinden die Philharmoniker mit der Vorstellung des 2007 gegründeten Philharmonischen Streichquintetts in der ungewöhnlichen Besetzung mit zwei Violinen, Viola, Cello und Kontrabass.

Der Exotenstatus, den die nobel näselnde, aber auch zu schreiend bunten Farbtönen fähige Kniegeige gegenüber den westlichen Streichern einnimmt, wird durch die Einladung des Flötisten Massimo Mercelli gemildert: Er tritt in gleich zwei neueren Kompositionen der 1953 geborenen Chen Yi sowie der Uraufführung des Auftragswerks „Veils of Memory“ von Musheng Chen zu den Musikern hinzu. Insgesamt frönen Komponisten wie Interpreten vor allem dem Ausgleich zwischen westlichen und fernöstlicher Mentalität, Spieltechnik und Tradition. Berührend sind die Momente, in denen sich die Philharmoniker mit Ehrgeiz und Neugier um die Nachahmung Erhu-spezifischer Spieltechniken wie Glissandi oder Trillerketten bemühen. Zum eindrücklichsten Bild des Abends aber wird die Uraufführung von Yang Yongs Duett „River Songs“: Wenn sich das Cello nach einem heftigem Flirt mit der charmanten Erhu in starre ostinate Floskeln zurückzieht, werden endlich auch einmal die schmerzlichen Grenzen der Kommunikation musikalisch thematisiert. Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben