Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick Wildermann

THEATER

Mausklick

ins Mittelalter

Wenn die Worte „Jugendliche“ und „Computerspiel“ fallen, schwingt meist ein Rattenschwanz kulturpessimistischer und sozialpädagogischer Zuschreibungen mit, von drohender Vereinsamung bis zu Amokfantasien. Es gibt kein richtiges Leben im Virtuellen. So ist es schon mal eine große Leistung des Autors Tim Staffel und des Regisseurs Sebastian Nübling, dass sie in Next Level Parzival im HAU 2 (wieder heute, 20 Uhr) die Gameboys und -girls nicht oberlehrerhaft der Analyse unterziehen, sondern sich elektrisierend-lustvoll in die Schlacht am Keyboard stürzen. Sieben junge Spielwütigen treffen sich im „Second Life“ zu Lanzenkampf und Romanzen und haben sich ritterliche Avatare geschaffen, die am Hof von König Artus um Lieb und Ehr streiten.

Helle Köpfe sind diese Kids, keine Nerds von der traurigen Gestalt. Und das Ritterspiel ist kein Ersatz-Machismo für Pubertisten, sondern ein sound- und bildstarkes Sehnsuchtsfeld, auf dem sich Gefühle sogar im Minnesang ausleben lassen. Das zweite große Verdienst von Staffel/ Nübling: Wie mühelos sie Artus-Sage und Parzival-Mythos in die gepixelte Parallelwelt einspeisen. „Next Level Parzival“, eine Kooperation der Ruhr-Triennale mit dem Jungen Theater Basel, versammelt ein Ensemble aus Nübling-erprobten Profis und 13 begabten Amateuren – die einen sind Computerspieler, die anderen mittelalterlich-futuristische Avatare, die sich auf den Boxen-Bergen in Muriel Gerstners Bühnenbild grandiose Duelle liefern. In diese heile Spiele-Welt mit ihren festen Regeln bricht Parzival, der Unsteuerbare. Sandro Tajouri spielt ihn mit vibrierend zielloser Energie als einen, der auszog, das Mitleid zu lernen. Identitätsfindung, Selbstbehauptung, Gefühlsverwirrung: Nübling bebildert das mit der ihm eigenen Sportlichkeit, atemlos bis zum Game Over. Patrick Wildermann

COMEDY

Sprüche klopfen

für den Kiez

Seine Welt sind die Solarien und Bodybuilding-Studios, die Hinterhöfe und Straßenecken. Zwischen Oranienstraße und Schlesischem Tor besucht er die wöchentlichen „Abziehmeisterschaften“ oder die Wahl zur „Miss Pitbull“. Immer auf der Flucht vor dem Blaulicht, immer voller kluger Tipps für das Überleben in Kreuzberg. Trotzdem ähnelt Tiger – die Kralle von Kreuzberg in seiner lässigen Kickerhose mehr einem gut genährten, schnurrenden Kater als einem gefährlichen Halbweltler. Die von Darsteller Cemal Atakan und Autor Murat Ünal als gutmütig-sympathischer Sprücheklopfer entworfene Figur trat nun zum zweiten Mal live im Engelbrot auf. Die wöchentlichen Episoden auf Videoportalen und der Seite „tiger 030“ sind vielen, meist jüngeren Fans, schon seit bald zwei Jahren bekannt. Bis zu 30 000 Mal klickten sie eins der Videos auf Youtube an.

Die Live-Show Abziehopfasolariummädschen greift vieles auf, von den Vorteilen des „Tyson-Schnitts“ über die richtige „Tekniieek“ zum „Klarmachen von Mädschen“ (mit und ohne Abitur) bis zu mehr Attraktivität durch Hartz IV. Es ist ein gutgemeintes Spiel mit Klischees, das leider oft nicht komisch ist: Kaum eine Auflösung überlässt der Tiger der Zuschauerfantasie. Unter der humoristischen Oberfläche schlummert allerdings ein Subtext, der vom Leben der Jugendlichen zwischen Gewalt, Perspektivarmut und den Alltagsmechanismen eines Problem-Bezirks handeln könnte. Doch vielleicht hören das viele nicht so gern. Eva Kalwa

EIN-MANN-OPER

Ritterin

der Kokosnuss


Stefan Kaminski
hat ganze Arbeit geleistet. Ein junger Mann, der von seiner Freundin in die zweite Staffel von Kaminskis Live-Hörspiel-Version von Wagners „Ring“-Tetralogie geschleppt wurde, will jedenfalls sofort nach der Walküre in den Kammerspielen d es Deutschen Theaters die Vorgeschichte erfahren. Kein Problem: Die Freundin erzählt ihm das „Rheingold“ so begeistert und geradlinig nach, wie es selbst Opernführern selten gelingt. Die Bilder, die Kaminski allein mit seiner Stimme zu sparsamer Tuba- und Cellobegleitung im vollgerümpelten Hörspielstudio auf der Bühne hervorruft, sind Trash und Fantasy in einem.

Bei Kaminskis Sicht auf das Werk des Besessenen von Bayreuth fällt die Grenze zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik. Statt Wagner-Kult entsteht überraschend kultiger Wagner. Dass dies funktioniert, hat viel mit der Präzision, dem komischen Ernst und der opernhaften Energie zu tun, mit der sich Kaminski in Götter und Rheintöchter hineinversetzt und sowohl dem wiehernden Ross seine Stimme leiht, als auch der zum Klange klappernder Kokosnüsse dahinfliegenden Reiterin. Und wenn sich der stets faschistoid röhrende Wotan im Keifduell mit Gattin Fricka in chaplineskes Hynkel-Deutsch hineinsteigert, ist das auch dies eine Wahrheit über Wagner, die man selten so locker und doch so überzeugend serviert bekommt. Carsten Niemann

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