Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Sound

der Großstadt

Intelligenter lässt sich ein unterhaltsamer Abend im Konzerthaus kaum zusammenstellen: Zwei sehr unterschiedliche Charaktere der Barockzeit kombiniert Lothar Zagrosek mit Werken von Prokofjew und Strawinsky, in denen sich die Komponisten des 20. Jahrhunderts bewusst auf die Alten Meister beziehen, ohne dabei zu Plagiatoren zu werden. Jean-Philippe Rameau, der Kammerkompositeur Ludwig XIV., war ein Musiktheaterrevolutionär, und Zagrosek macht mit seinem Konzerthausorchester die Suite aus den tragédies lyriques „Zais“ und „Dardanus“ zur fantastischen Oper für die Ohren, voller wirbelnder Passagen zum Tambouringerassel und plastisch herausgearbeiteter Schreitanz-Rhythmen.

Höchst lebendig gelingt auch Händels Alexanderfest-Konzert, bei dem das Orchester ganz gentlemanlike im Hintergrund agiert und den festlichen Rahmen bietet für einen Flirt der Violinsolisten Viviane Hagner und Michael Erxleben nach allen Regeln höfischer Verführungskunst. Dass Igor Strawinsky auch in seiner neoklassischen Phase stets Zeitgenosse geblieben ist, kann Zagrosek in dessen „Dumbarton Oaks“-Kammerkonzert nachweisen: Die Kontrapunktik im Geist des 18. Jahrhunderts könnte auch sublimierter Maschinensound sein. Und atmet in der souveränen Ausführung durch das Konzerthausorchester stets lässige Großstadteleganz – während Prokofjews Symphonie Classique vom Dirigenten überraschenderweise nicht als HaydnHommage, sondern als grelle Klassiker-Groteske gedeutet, zum krachenden Rausschmeißer wird. Ein Frühlingsnachtstraum. Frederik Hanssen

ROCK

Hurra, sie

übertreiben wieder

Vielleicht war eine personelle Veränderung nötig, um Motorpsycho wieder auf den richtigen Weg zu bringen: In den Neunzigern waren die psychedelischen Hardrocker aus dem norwegischen Trondheim eine der besten Bands der Welt, ehe sich das Trio in seinem zum Scheitern verurteilten Versuch, seine bis zu viertelstündigen Song-Epen auf radiotaugliche Vierminutenformate einzudampfen, zu rustikalen Retrorockern degradierte. Das klang wie die Quadratwurzel aus Kiss, Doors und Stooges und lange nicht mehr so aufregend wie zuvor. 2005 stieg Drummer Håkon Gebhardt aus, der zehn Jahre jüngere Kenneth Kapstad ersetzte ihn und gab den verbliebenen Ur-Motorpsychos Hans Magnus Ryan und Bent Sæther die Freude am Exzess zurück.

Im Postbahnhof ist alles wie früher, wenn nicht noch besser: Zu Kapstads unermüdlichem Getrommel, das von feinsten Jazzphrasierungen bis zum härtesten MetalGedresche mäandert, beugen Ryan und Sæther wie gespiegelte Zwillingsbrüder – der eine ist Rechts-, der andere Linkshänder – ihre Mähnen über Gitarre und Bass und fabrizieren faszinierenden OuterSpace-Rock. Ryan ist ein Gott des Wah-Wah-Pedals. Seine Gitarrensoli basieren auf einfachen Tonfolgen, deren hypnotische, durch das Effektgerät minimal veränderte Wiederholungen auf Sæthers melodische Bassläufe treffen. Dabei erreichen die drei eine physische Wucht, die Bands wie Queens Of The Stone Age nur vortäuschen. In den überlangen Songexkursionen liegt eine großartige Maßlosigkeit, die Motorpsycho während des über zweistündigen Spektakels in die entlegensten Spiralnebel vergessener Drogenrock-Universen führt. Besser geht’s nicht. Jörg Wunder

MUSIKGESCHICHTE

Auslöschung

und Anmaßung

Der Blick in die Zukunft der Staatsoper ist derzeit wolkenverhangen. Mit der Ausstellung Verstummte Stimmen im Apollo-Saal (bis 4. Juli) schaut das Haus erst einmal zurück und setzt sich mit der eigenen Rolle im Nationalsozialismus auseinander. Denn der Rassenhass machte vor der Kunst nicht halt. Schon 1932 gab es eine rasch auf 100 Mitglieder angewachsene „Nationalsozialistische Betriebszelle“, auf deren „Judenliste“ 43 Mitarbeiter standen. Intendant Heinz Tietjen entließ viele von ihnen in den sozialen Tod. Die Ausstellung (Konzept und Text: Hannes Heer) beleuchtet das Schicksal dieser Mitarbeiter – und zwar nicht nur der großen Namen wie Erich Kleiber und Otto Klemperer, sondern auch von Sängern, Chormitgliedern oder Tischlern. Rettendes Exil oder Deportation waren häufig die einzigen Alternativen, oft verliert sich einfach die Spur.

Die „Wanderdüne Vergessen“ sei über die Staatsoper hinweggegangen, so der Soziologe Wolf Lepenies in seinem Eröffnungsvortrag, in dem er die Kunstvernichtung der Nazis bei gleichzeitiger Kunstanmaßung skizzierte. Denn nicht nur bei Hitler, der noch in der Wolfsschanze die Zeit fand, sich über das angeblich schlechte Niveau der Pariser Oper auszulassen, stand hinter aggressiver politischer Rhetorik ein künstlerisches Minderwertigkeitsgefühl. Wirkliche künstlerische Entwicklung würgte die NS-Politik dagegen gnadenlos ab. Was auf diese Weise verloren ging, lässt sich beim Hören von Franz Schrekers luzider Kammersinfonie erahnen, gespielt von der Staatskapelle unter Alexander Vitlin. Schreker, vor 1933 an der Staatsoper oft gespielt, starb nach der Entlassung aus allen Ämtern in vollkommener Isolation. Udo Badelt

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