Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

In einem mächtig

fortströmenden Fluss

Am Anfang macht man sich Sorgen: Ausgerechnet der Konzertmeister, der noch dazu ganz vorne sitzt, ist verletzt. Mit eingegipstem Fuß humpelt Hans Maile aufs Podium der Philharmonie. Ein schlechtes Omen für das Maikonzert der Berliner Symphoniker? Diese bieten, nachdem der Senat sämtliche Zuschüsse gestrichen hat, nur noch eine Aboreihe mit einem Konzert pro Monat an. Das ist ein Drittel des alten Programms. Familienkonzerte gibt es nicht mehr, die Musiker spielen auf Honorarbasis, bei jedem Konzert entsteht ein Fehlbetrag. Geld kommt hauptsächlich durch die massiv ausgebauten Auslandstourneen nach Asien und Südamerika herein.

An der populären Ausrichtung des Programms hat sich hingegen nichts geändert. Mit Brahms kann man nichts falsch machen. Solist Olaf John Laneri demonstriert im zweiten Klavierkonzert sein Vermögen, innerhalb der gleichen Phrase von ganz hartem zu weichem und zärtlichem Anschlag zu gleiten. Das macht sein Spiel aufregend und dynamisch. Nach der Pause dann ein weiteres „zweites“ Werk: die Symphonie in D-Dur, mit der Brahms seine Beethoven-Phobie endgültig überwand. Lior Shambadal am Pult arbeitet mit den Symphonikern die Kontraste zwischen den einzelnen Klanggruppen scharf heraus. Im Finalsatz gestalten die Musiker souverän dramatische Effekte wie das plötzliche Tutti, dem eine breit ausgespielte Melodie folgt wie ein Fluss, der einen Wasserfall herabstürzt und im Flachland mächtig fortströmt. Dieses Konzert ist ein kräftiges Statement: Wir sind noch da! Der Fuß mag gebrochen sein, das Selbstbewusstsein der Symphoniker ist es nicht. Udo Badelt

KLASSIK

Auf der Grenze zum

illustrativen Bombast

Es bewegt sich was im klassischen Betrieb. Wer ein großes Orchester aufs Podium setzt, aber kein einziges Repertoireschlachtross aufs Programm, hätte noch vor wenigen Jahren mit schütter besetzten Reihen rechnen müssen. Mittlerweile ziehen auch Raritäten größeres Publikum an. Zumindest wenn, wie jetzt beim Rundfunk-Sinfonieorchester im Konzerthaus, ein so exzellenter Solist dabei ist wie Christian Tetzlaff. Er spielte Karol Szymanowskys Violinkonzert Nr. 2 von 1933 mit einem Furor, der beim Feingeist Tetzlaff fast überrascht, aber die Eruptionen des Komponisten glaubwürdig macht. Der polnische Erneuerer bewegt sich auf der Grenze zum illustrativen Bombast, und den malte das Orchester mitunter mit so breitem Pinsel, das Tetzlaffs scharfe Zeichnungen nicht immer zu erkennen waren. Bei einem Dirigenten wie Thomas Dausgaard ist das verwunderlich, denn der 1963 geborene Däne wurde bekannt mit strukturklaren Beethovenaufnahmen.

Indessen klang schon das bekannteste Werk des Abends zum Auftakt problematisch: Richard Strauss’ „Metamorphosen“ für 23 Solostreicher litten streckenweise unter Dauerespressivo und durchweg unter verrutschter Intonation. Dafür geriet Carl Nielsens fünfte Sinfonie (1922) zur Wiedergutmachung. Technisch war das perfekt, musikalisch spannend. Dausgaard dirigierte den Zweisätzer als (welt-)kriegsgeprägtes Zeitzeugnis mit romantischen Wurzeln. Der große Bogen interessierte ihn dabei mehr als die Zerreißproben, denen Nielsen sein Material aussetzt. Und mittendrin zeigte der traumschön spielende Soloklarinettist, dass der Däne Nielsen den „Bolero“ schon kannte, ehe Ravel ihn schrieb. Volker Hagedorn

POP

Drohende Akkorde

an einem fußkalten Ort

„Flying alone/I was a teenage spaceship“. Das sind, nach einem sehr knappen Gruß, die ersten Worte von Bill Callahan, und wir glauben ihm diese Jugenderinnerung sofort. Nach etlichen vorzüglichen Platten unter dem Namen Smog hat Callahan jüngst das Album „Woke on a Whaleheart“ unter seinem bürgerlichen Namen aufgenommen – ein wortkarger und nachdenklicher Sänger aber ist er nach wie vor, etwas introvertiert, mit feinem Humor. Callahan kommt aus einem jener Orte, die man „nondescript places“ nennt und die es in den USA haufenweise gibt. Gesichtslose Städtchen. Da passt es, dass sein Berliner Konzert wegen der eifrigen Nachfrage in den Postbahnhof verlegt wurde – ein fußkalter Ort, in den am Wochenende pubertierende Brandenburger zum Tanzen kommen.

Callahan macht keinen Hehl aus seiner Normalität: ein Jeanshemd, die Haare seitengescheitelt, das Gesicht glattrasiert, langsam füllig werdend. Sein musikalischer Stil ist das Beharren. Er wiederholt anfangs gemütlich wirkende Takte, bis sie sich aufgebaut haben, bis sie drohen und zu nerven beginnen. Dann fängt er seine präzis spielende Band wieder ein und lässt das Stück langsam austrudeln. Seine beiläufigen Texte brummt Bill Callahan mit lakonischem Bass, alles sehr entspannt. Auch sein Mienenspiel ist reduziert, er singt eher nebenbei, während er genauso nebenbei Gitarre spielt. Wenn es einmal ganz hoch hergeht auf der Bühne, fällt er in einen unmotiviert wirkenden Seit-Ausfallschritt, oder er macht eine Kniebeuge. Die Stücke enden dann mit leisen Gitarrenakkorden und einem zaghaftem Schlag aufs Becken. Keine großen Gesten, nirgends. Es gibt übrigens von Callahan auch ein paar Bilder, auf denen er lacht. Lennart Laberenz

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