Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Die Sonne

wird wieder scheinen

Die Deutsche Oper Berlin favorisiert derzeit in ihren Konzertprogrammen die Begriffe Gala und Stargast. Sinfonischer Ehrgeiz, wie er zum Selbstverständnis guter Opernorchester gehört, hat dahinter zurückzustehen. In diesem Rahmen ist zu bestaunen, was das Orchester der Deutschen Oper ohne die große Bestätigung dennoch leistet. Etwa in Braunfels’ „Jeanne d’Arc“, wo unter der ingeniösen Bilderflut Schlingensiefs im Graben höchste Konzentration herrscht.

Renato Palumbo, der bisherige GMD, verabschiedet sich bis Juni in italienischem Opernfach. Deutsches hat er abgegeben, so auch ein Konzert, das ursprünglich als Chefsache vorgesehen war. Mag sein, dass ihm nach dem „Freischütz“-Debakel der Name Carl Maria von Weber nicht mehr geheuer ist. Denn einige Themen aus dessen Feder werden in Hindemiths „Metamorphosen“ verarbeitet. Weber-Eleganz der Holzbläser und zündende Synkopenrhythmik entfalten sich nun unter Michael Schønwandt, während der Dirigent die „Rosenkavalier“-Suite von Strauss allzu feurig ins Martialische treibt. Gesangssolistin ist Christine Schäfer. In das koloristische Filigran des Orchesters singt sie die Berg-Lieder auf Ansichtskartentexte von Peter Altenberg, die in Feinzeichnung und weiten Intervallen leuchten. Der interpretatorische Ernst der Sängerin macht sie zu einer Ausnahme im Operngetümmel. Hiervon inspiriert, vernimmt das Orchester zum Schluss einer Strauss-Gruppe – vielleicht als Omen für die Zukunft – die ruhige Versicherung: „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen.“ Sybill Mahlke



ROCK

Besuch in einem lauten

Haus am Meer

Im schwarzen, bodenlangen Kleid und mit spektakulär schicken Schuhen schreitet PJ Harvey von links auf die Bühne. Unter dem Arm trägt sie eine Notenmappe. Sie wirkt wie die leicht exzentrische Ausgabe einer klassischen Konzertpianistin – doch das Klavier lässt die 38-Jährige zunächst mal links liegen. Sie hängt sich eine E-Gitarre um und spielt mit voll aufgerissenem Verzerrer zwei Stücke ihres 1995er-Albums „To bring you my Love“. Anschließend setzt sie sich ans Klavier, das Leitinstrument ihres neuesten Werkes „White Chalk“. Sie beherrscht es zwar nur rudimentär, doch das ist unwichtig. Denn PJ Harvey geht es zu allererst darum, sich nie zu wiederholen und mit ihrer Stimme in neue Klangwelten vorzudringen. So hat sie zuletzt ungewohnt hohe Register erforscht – nichts erinnerte mehr an das wütende Rockorgan, mit dem sie bekannt geworden ist. Bei ihrem einzigen Deutschland-Konzert im ausverkauften Friedrichstadtpalast wird dieser Entdeckerinnen-Geist sehr deutlich. Man hat das Gefühl, zu Gast in PJ Harveys mit Instrumenten vollgestopftem Haus an der Küste des südenglischen Dorset zu sein. Gerade probiert sie ausgiebig einen Echoeffekt für den Gesang aus, der auf der Platte noch nicht zu hören war. Dann huscht sie rüber zu einer skurrilen Miniharfe und wirf eine rumpelige Drum-Machine an. Es macht der locker und humorvoll auftretenden Britin sichtlich Spaß, einmal ohne Band auf der Bühne zu stehen. Sie spiele heute vor allem ihre Lieblingslieder, sagt sie. Eines davon ist „Shame“, das sie in einer phänomenal dynamischen Version in den Raum schleudert. In 80 Minuten demonstriert Harvey die eindrucksvolle Variationsbreite und Ausdruckskraft ihrer Stimme, die problemlos von alten Punkkrachern zu neuen Düsterfolk-Songs übergehen kann. Eine große Meisterin war in der Stadt. Nadine Lange

NOISE ROCK

Kreischende Yakuza-Kämpfer

wüten im Noteninferno

Seit gut 15 Jahren sind Konzerte von Melt-Banana ein zuverlässig großartiger Spaß: Das Hochgeschwindigkeitsquartett aus Tokio spielt auch im Festsaal Kreuzberg mit niemals nachlassender Präzision ultrakomplexe Krawallmusik, zu deren Verfertigung bequemere Naturen vermutlich leistungsfähige Rechner programmieren würden. Stattdessen verleihen die vier schmächtigen, immer noch sehr jung wirkenden Japaner dem Extremrock ein menschliches Antlitz: Gitarrist Ichirou Agata hext bizarre kleine Soli zusammen, die er durch einen Koffer voller Effektgeräte jagt. Bassistin Rika sieht bei ihrem brachialen Geplonke so cool aus wie eine der Yakuza-Kämpferinnen aus „Kill Bill“. Der Schlagzeuger wirbelt wie ein Wahnsinniger, obwohl – winziges Wermutströpfchen – der vor längerem ausgestiegene Originaltrommler Sudoh noch einige Grade abgedrehter war. Sängerin Yasuko Onuki hat in all den Jahren des Um-den-Globus-Tourens nichts von ihrem quietschigen Akzent abgelegt und ist immer noch die beeindruckendste Micky-Maus-Kreischerin weit und breit. Nippons Töchter und Söhne atomisieren in einer knappen Stunde fast alles, was man in letzter Zeit an schneller, harter, komplizierter Musik gehört hat. Und sie tun es mit einer Seelenruhe, sind das Auge des von ihnen selbst verursachten Taifuns. Das Publikum unterwirft sich den Bühnengewalten je nach individueller Vorliebe: Ein recht grobmotorischer Pogo-Mob versucht vergeblich, das Zucken der eigenen Gliedmaßen mit den haarsträubenden Rhythmen zu synchronisieren, ein Quartett abtrünniger Metal-Jünger schüttelt hingebungsvoll das Rapunzelhaar. Und alle anderen sehen, hören, staunen – und grinsen breit. Ganz großer Spaß! Jörg Wunder

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