Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

FOLK

Nachtblauer Samt und

der Zauber des Morgens

Das Debüt von Tift Merritt 2002 war ein Countryalbum, die zweite Platte eine Soul-Scheibe mit deftigen Bläsern. Mit „Another Country“ bringt sie im Juli eine ruhigere „Liebeserklärung an Europa“ heraus, komponiert während eines Aufenthalts der Amerikanerin in Paris. Geschliffen produziert, vielleicht stellenweise ein Tick zu glatt. Aber dann kommt Tift Merritt auf die Bühne des Quasimodo, ganz alleine, und zeigt, worum es eigentlich geht: das Spielen vor Publikum, das Unwiederbringliche des Augenblicks. Exquisite Songs in sparsamen Arrangements, packende Melodien und eine Stimme, die sich anfühlt wie nachtblau angeschabter Samt. Folk, Country, Soul. Die 33-Jährige aus North Carolina pfeffert kräftige Akkorde in ihre wüst zerschrabbelte Gibson- Akustikgitarre. Sie lässt die blonden Locken fliegen und wirkt auf der Bühne im schwarzen T-Shirt mit raffinierten Chiffon-Ärmeln, in Jeans und Stiefeln echter als auf Fotos und Plattenhüllen. „Hopes Too High“ singt sie vom neuen Album und „Broken“. Löst sich vom Mikro, geht an den Bühnenrand, singt unverstärkt. Schließlich das traumhafte „Morning Is My Destination“, in dem sich alles zauberhaft zusammenfügt: weiche Beatles-Harmonien, kratzige Dylan-Harmonika, kräftiger Dusty-Springfield-Soul, fernes Wehen der Stimmen von Joni Mitchell und Emmylou Harris. Das ist Tift Merritts ganz eigener Stil, mit dem sie das Quasimodo im Sturm erobert hat.H. P. Daniels

KLASSIK

Gezupft

und fein gesungen

Während in der verwundeten Philharmonie bis zum 2. Juni Schweigen geboten ist, blüht im Kammermusiksaal das Konzertleben weiter. Zum Beispiel mit dem Breuninger Quartett. Das Ensemble bestätigt, was kürzlich schon in einem Philharmonischen Salon auffiel: seine Harmonie und dazu exzellenten Streicherklang. Als Vorbild des Streichquartetts von Ravel ist verführerisch das Opus 10 von Debussy zu vernehmen. „Assez vif“ schreiben beide Franzosen über ihr Scherzo, und kapriziöse Rhythmik wechselt mit verträumten Melodien. Beide Sätze aber verlangen brillantes Pizzikato, vier Musiker, die sich einig sind in ihrem musikalischen Atem. Die Breuningers spielen in ihrer heutigen Besetzung seit 1996 zusammen. Aus der Mitte kommen im Ravel-Quartett die Achtelbewegungen der zweiten Violine von Stanley Dodds, indes sein Philharmonikerkollege David Riniker die expressive Cellokantilene vertritt. In den gedämpften Samtklang des „Très lent“ fügt sich die Viola Annemarie Moorcrofts vom DSO. Als agile, zarte Konzertmeisternatur (zum Gewandhaus gelangt) entfaltet Sebastian Breuninger Flexibilität des bien chanté. Zwei Meisterwerke. Das Quartett integriert dynamische Kontraste bei organischem Musizieren. Um in Chausson einen impressionistischen Vorläufer zu präsentieren, treten Kolja Blacher und der Pianist Vassily Lobanov dazu. Luxuriöse Komplettierung zur Publikumsfreude. Sybill Mahlke

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