Kultur : KURZ & KRITISCH

Dorte Eilers

KLASSIK

Meine Liebe, deine Liebe

Jeder Winkel der Welt hat seine Liebeslieder. Das Herz aber, möchte man meinen, ist eine internationale Angelegenheit. Jedenfalls, wenn man Thomas Quasthoff im Kammermusiksaal zuhört. Begleitet von Baglama (Eren Demir) und Klavier (Justus Zeyen) singt er gemeinsam mit der türkisch-alevitischen Sängerin Sabahat Akkiraz ein anatolisches Liebeslied. Obwohl die Bedeutung der Worte dabei verschlossen bleibt, versteht man doch: Es ist die Liebe mit all ihrer Sehnsucht und ihrem Schmerz, die hier zu Musik geworden ist. Davon handelt auch Schumanns „Dichterliebe“, die am Anfang des „Alla turca“-Konzerts steht. Doch so nah sich deutsches Kunstlied und anatolische Volksweise hier zeigen: ganz so einfach ist es mit der Interkulturalität doch nicht. Bei Schumann ist es das individuelle Gefühlswirrwarr, und so überirdisch zärtlich Quasthoff auch singen mag, das Gesungene bleibt immer auf der Ebene persönlicher, irdischer Gefühle. Die anatolischen Lieder hingegen leben von Doppeldeutigkeiten und Symbolen. Oftmals ist gar nicht klar, ob Akkiraz’ klare Stimme von der Liebe zu einem Menschen oder zu Gott kündet. Hier reibt sich orientalische Mystik an deutscher Romantik. Eines indes ist beiden gemeinsam: Wer von Herzensdingen singt, dem hört man einfach gerne zu. Dorte Eilers

ROCK

Moskitoschwarm in College-Slippern

Was gibt es Neues in der Rockmusik? Bei dieser Frage kommt man zurzeit nicht vorbei an Vampire Weekend, einem Quartett aus New York, das seinen Sound mit Einflüssen der afrikanischen Popmusik auffrischt und von allen Seiten als neuer Hoffnungsträger gefeiert wird. Bei ihrem Auftritt im ausverkauften Maria am Ostbahnhof brennen die College-Boys ein quietschfideles Twingeltwangel-Feuerwerk ab, das für fünfzig Minuten eine kribbelige Wirkung erzielt, obwohl die schönen Streicherarrangements vom Debütalbum der Bühnentechnik geopfert werden müssen. Angeführt wird die Band von Sänger Ezra Koenig, einem Sunnyboy in Lacoste-Pulli und College-Slippern, dem nicht gerade der Rock ’n’ Roll aus dem Ärmel qualmt, dessen Gitarre aber wie ein Moskitoschwarm durch die Luft sirrt. Die Keyboards sorgen für aufgeschäumte Dynamik, und der Schlagzeuger bündelt mit dem Bassisten einen dichten Rhythmus. „A-Punk“ wird zum Höhepunkt, bei dem sich eine seltsam friedvolle Raserei der Masse bemächtigt. Unschuldig, sorglos, gewinnend, so sind Vampire Weekend. Eine Band, die alle Welt gut findet, weil man will, dass sie gut ist. Weil man alles, was an ihr klebt, liebt. Und süß sind die Jungs in der Tat. Volker Lüke

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