Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

MUSIKTHEATER

Erneuerung

missglückt

Ganz schön viel, was sich Tayfun da vorgenommen hat: Der Komponist aus Istanbul, der seit über 25 Jahren in Berlin lebt, hat Koran, Bibel und Tora vertont. Zugleich will Tayfun mit seinem Werk „El“ („Gott“), an dem er seit 1992 arbeitet, eine neue Zukunft für die Oper aufzeigen. Das Ergebnis ist eine radikale Trennung von Wort und Musik und die fast komplette Streichung von Gesang. In der Passionskirche am Marheinekeplatz trägt Tina Engel, bis 2000 Ensemblemitglied an der Schaubühne, die heiligen Texte mit ernster, trockener Stimme vor. Dazu liefert Tayfun am Klavier einen breit geknüpften Klangteppich, während der Jazzmusiker Gebhard Ullmann mit scharfen Saxofon- und Flötentönen und Bassklarinette für melodische Spannung sorgt (nochmals heute, 19.30 Uhr). Die Musik versucht nicht, den Text nach Art von Programmmusik abzubilden, vielmehr fängt sie seine Stimmungen auf und webt sie weiter. Zur Erneuerung des Musiktheaters fehlt dann aber doch etwas Entscheidendes: das Theater. Udo Badelt

ARCHITEKTUR

Erneuerung

geglückt

Mittlerweile fällt der Begriff der Nachhaltigkeit fast schon der Beliebigkeit anheim. Dabei ist die entsprechende Forderung aktueller denn je. Nachgerade alpine Weitsicht hat daher der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein bewiesen, der seinem Preis für „zukunftsfähige Arbeiten“ kurzerhand den Titel „Umsicht“ verliehen hat. Die ausgezeichneten Projekte überzeugen in der Ausstellung im Deutschen Architekturzentrum (Köpenicker Straße 48/49, bis 22. Juni). Prämiert wurden Projekte mit ganzheitlichem Ansatz, die Nachhaltigkeit ökologisch, sozial und kulturell verstehen: der hölzerne Fußgängersteg in der alten Tradition der Holzbrücken am oberen Zürichsee. Oder die Idee, den Abraum des Gotthard-Basistunnels dafür zu nutzen, sechs künstliche Inseln zu schaffen, die der Reuss ihr Mündungsdelta zurückgeben und zudem als Freizeitoase dienen. Das vielleicht poetischste Projekt ist aber die Zusammenarbeit zwischen der Bündner Gemeinde Vrin und dem Architekten Gion A. Caminada. Gemeinsam haben sie seit 1991 einen Prozess in Gang gesetzt, um durch einzelne Neu- und Umbauten die dörfliche Struktur Vrins zu bewahren und gegen alle Abwanderungstendenzen weiterzuentwickeln. Das Ergebnis ist eine beispielhaft umsichtige Dorferneuerung. Jürgen Tietz

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