Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Kühle Oberfläche,

schwelender Brand

Ausgerechnet mit einem „Allegro fuocoso“ beginnen Herbert Blomstedt und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ihr Sonntagskonzert, für das sie aus der Philharmonie in den Großen Sendesaal des RBB ausweichen mussten. Blomstedt legt den Eröffnungssatz von Franz Berwalds „Symphonie singulière“ wie einen Schwelbrand an: Zunächst hält er die Energie unter einer kühlen Oberfläche verborgen, um beim ersten Tutti die Flammen aus der symphonischen Architektur schlagen zu lassen und später mit kühlem Kopf zu zündeln.

Statt das Werk aus einer verzehrenden Leidenschaft zu entwickeln, deutet Blomstedt die Symphonie letztlich antiromantisch. Er lässt die formalen wie instrumentatorischen Überraschungsmomente klar zutage treten und versucht weder, die Brüche des Werks als Stimmungsumschwünge zu deuten, noch die vielfältigen orchestralen Texturen übermäßig zu poetisieren. Sein Feuer bleibt immer auch ein physikalisches Phänomen.

Dass Bruckner in seiner 9. Symphonie (gegeben in der unvollendeten Originalfassung) wie ein später Seelenverwandter des 28 Jahre älteren Eigenbrötlers Berwald wirkt, ist ein weiterer Überraschungseffekt der unkonventionellen Programmgestaltung. Auch hier kann man – in einer besonders bei den Bläsern höchst präsenten und reinen Darbietung – die Emanzipation des reinen Orchesterklangs vom poetischen Bild erleben. Die Schweigeminute für Bruckner, die Blomstedt als Alternative für den unvollendeten vierten Satz des Werks einzufordern scheint, wird am Ende verkürzt durch den großen, schnell einsetzenden Jubel. Carsten Niemann

KLASSIK

Aus drei

mach eins

Und gleich noch eine Flammen-Musik: Hugo Distlers „Feuerreiter“ ist der Renner im Sonntagskonzert des Berliner Chorverbands. Unter Achim Zimmermanns Leitung schleudert die Berliner Singakademie die aufheulenden chromatischen Läufe so akzentuiert in den Raum und lässt Mörikes brandstiftende Spukgestalt so plastisch erstehen, dass einem selbst im vom Feuer verschonten Kammermusiksaal der Philharmonie angst und bange wird.

Die gesamte Bandbreite des A-cappellaGesangs demonstrieren die Berliner Chöre allmonatlich an dieser Stelle, und diesmal bieten sie Spitzenleistungen: Eindrucksvoll schon optisch, wie sich zu Beginn neben der Singakademie der Hugo-Distler-Chor und das Ensemberlino Vokale, beide ebenfalls mit gut vierzig Sängern, auf den Emporen postieren, um dem Publikum mit Hans Leo Hasslers „Cantate Domino“ ein hinreißendes Beispiel venezianisch gefärbter frühbarocker Klangpracht zu bieten. Ralf Sochaczewsky führt sein Ensemberlino Vokale in Bachs Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ auf mühelose Sopranhöhen, Stefan Schuck schöpft mit dem Distler-Chor die Reize neutönerischer Reibeklänge in Knut Nystedts (geboren 1915) „O crux“ aus. Doch an Präsenz und gestalterischer Wachheit ist die Singakademie nicht zu schlagen; erstaunlichen kompositorischen Einfallsreichtum bietet sie mit einer Motette des als eher simpel verschrienen Goethe-Freunds Carl Friedrich Zelter. Drei hochkomplexe „Fest- und Gedenksprüche“ von Johannes Brahms vereinen die Chöre in schönster Homogenität und Transparenz, und welche Nuancenvielfalt einem einfachen Strophenchoral abzugewinnen ist, demonstriert Achim Zimmermann in der Zugabe „Nun ruhen alle Wälder“.Isabel Herzfeld

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