Kultur : KURZ & KRITISCH

Uwe Friedrich

KLASSIK

Attacke und

Atmosphäre

Mit energischem Schwung motiviert Kristjan Järvi das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zu kantenscharfem Spiel. Schon das Fagottsolo zu Beginn von Stravinskys „Le sacre du printemps“ gelingt mit staunenswerter Eleganz, die brutalen Einwürfe der Hörner haben Biss, die Streicher treiben das Geschehen nach vorne. Hier wird in den vertrackten Taktwechseln nicht bloß mitgezählt, sondern der gesamte Organismus des Orchesters atmet gemeinsam die Musik. Järvi entwickelt die schockhafte Brutalität stets aus dem Tanz, macht deutlich, wieso dieses Ballett bei der Uraufführung für einen der größten Skandale des 20. Jahrhunderts sorgte. Unerbittlich schichtet Järvi die Klangeruptionen übereinander und sprengt doch nie die nach wie vor heikle Akustik des Konzerthauses. Bewundernswert, wie er sich auf die Zwänge des Ausweichquartiers für das in der Philharmonie geplante Konzert einstellt. In der 1944 entstandenen vierten Symphonie seines Landesmannes Eduard Tubin vermag der Este Kristjan Järvi die langen Bögen des dunkel timbrierten Werks mit Binnenspannung auszufüllen – und das außerordentlich gut verfasste RSB weckt mit dem filmmusiknahen Werk Erinnerungen lange Spaziergänge am Ostseestrand und in dunklen Fichtenwäldern. Uwe Friedrich

ARCHITEKTUR

Stadt

im Kopf

Dass Städte vielschichtige sinnliche Gebilde sind und nicht nur aus Häusern und Straßen bestehen, ist eine Binsenweisheit, die in der Planungspraxis aber nicht immer beherzigt wird. Daher bietet das Buch Die Stadt von morgen. Beiträge zu einer Archäologie des Hansaviertels Berlin (Hg. v. Annette Maechtel und Kathrin Peters, 265 S., Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2008, 29,80 €) weit mehr als eine Dokumentation der gleichnamigen Ausstellung zum 50-jährigen Bestehen des Hansaviertels 2007. Der ansprechend gestaltete Band versammelt als wissenschaftlich-künstlerisches Crossover ganz unterschiedliche Annäherungen an das Phänomen Hansaviertel. Seine Bau- und Entstehungsgeschichte sowie die begleitende Interbauausstellung von 1957 werden ebenso thematisiert wie die Wohnberatung des Deutschen Werkbundes. Zudem widmet sich das Buch den Kunstkonzepten der Interbau und dem Verhältnis von Landschaft und Wohnungsbau im Wiederaufbau. Das greift weit über den konkreten Ort Hansaviertel hinaus, in dem Städtebau als kulturelle Technik begriffen wird. Städte sind komplexe Orte, sie bestehen eben auch aus „Bildern und Texten, die Orte beschreiben und bewerten, nicht ohne sie zu verändern“, wie die Herausgeberinnen schreiben. So verwandelt sich die spannende Archäologie des Hansaviertels auch in einen Spiegel der Gegenwart. Jürgen Tietz

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