Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

DESIGN

Der Formenreichtum

des Bosperus

Viele Kulturen haben Berlin ihren Stempel aufgeprägt – nicht zuletzt die türkische. Modernes Design aus der Türkei allerdings ist hier noch nicht angekommen. Das soll sich ändern, finden die Macher des DMY International Design Festival. Unter dem Label turkish delight sind Arbeiten von elf Designern vom Bosporus im Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum ausgestellt (bis 29.6., Am Kupfergraben 5, Di–So 10–18 Uhr, Do 10–22 Uhr). Der Rahmen ist gut gewählt: Der Formenreichtum der Mschatta-Fassade, die Muster und die Stofflichkeit anatolischer Teppiche werden von einigen Designentwürfen aufgenommen, zum Beispiel in der Mode von Gönül Paksoy. Vielfach stellen sich reizvolle Kontraste ein, wie im Fall der zwar von türkischer Tradition geprägten, aber doch klar-flächig gestalteten Kleinmöbel von Joelle Hançerli. Ihr Tischchen „Nalin“ ist eine vergrößerte und vereinfachte Version des gleichnamigen Holzschuhs, die elegante Hocker-Serie „Quawook“ geht auf die Form des Kavuk, die Kopfbedeckung des Sultans, zurück. Noch origineller wirkt die „Fescap“ – eine Kombination aus der im Balkan verbreiteten Kopfbedeckung Fes und der US-amerikanischen Baseballmütze. Jens Hinrichsen

KLASSIK

Die Trauer

der Gottesmutter

Duett, Arie, Duett, Arie – eine Nummernfolge und doch viel mehr. Es ist Pergolesis Stabat mater für zwei Singstimmen und Streicher. Die Beliebtheit der lateinischen Sequenz auf die Gottesmutter unter dem Kreuz, die einem Hauptvertreter religiöser Dichtung um das Jahr 1300 entstammt, hat endlose Notenblätter gefüllt, von Josquin bis Dvobák. Es ist Markus Po schner mit dem Deutschen Kammeror ches ter zu danken, dass Pergolesis Stabat mater neu erwacht, „welches seinen Namen noch lebendig erhalten wird, wenn seine ,Serva padrona’ vergessen ist“. Diese Einschätzung Hugo Riemanns hat die Nachwelt revidiert. Aber im Kammermusik saal ist mit Freude zu entdecken, was in dem geistlichen Werk als weltlich erscheint, eben weil der Komponist Begründer der Opera buffa ist. Poschner betont von den schreitenden Achteln im ersten Grave an, dass Entschiedenheit in der Partitur steckt, auch wo beschwingtes Allegro den Schmerz des Textes kontrastiert. Warum klingt „Paradisi gloria“ nach der großen Klage sotto voce fast schüchtern? Experimentelle Musik mit viel Ausdruck im Orchester, über dem die Singstimmen von Sylvia Schwartz mit klarer Höhe und Simone Schröder mit samtigem Alt schweben. Sybill Mahlke

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