Kultur : KURZ & KRITISCH

Bernhard Schulz

ZEITGESCHICHTE

Die Wahrheit

ist bitter

So geglückt und erfolgreich war die Integration von 14 Millionen Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten nicht, weder in die Gesellschaft der westdeutschen Bundesrepublik, wie es die Politik gern darstellt, noch gar in die SBZ/DDR, wo das Thema ohnehin totgeschwiegen werden musste. Der 37-jährige Historiker Andreas Kossert hat darüber die Studie „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“ veröffentlicht (Siedler Verlag, München, 431 S., 24,95 €), die er am Donnerstagabend in einer Diskussion mit dem Publizisten Rüdiger Safranski vorstellte. Seine Motivation war es, so Kossert, „den Vertriebenen den Respekt und die Anerkennung zuteil werden zu lassen, den ihnen die Mehrheitsgesellschaft jahrzehntelang verweigert hat“.

Da schwieg das Auditorium in der Bertelsmann-Repräsentanz Unter den Linden, darunter übrigens VertriebenenverbandsChefin Erika Steinbach (CDU). Kossert trug seine „wirklich schockierenden Befunde“ über die Ablehnung bis hin zum „Rassismus von Deutschen gegen Deutsche“ in aller Sachlichkeit vor und bilanzierte, die Vertriebenen seien „als lästige Erinnerung an den verlorenen Krieg empfunden“ worden und hätten in der Bundesrepublik „beim Aufbruch nach Westen gestört“. Es unterblieb nahezu bis heute, „Vertriebene auch als Opfer anzuerkennen“. Kosserts Buch, kein Zweifel, wird das selbstgefällige Bild Westdeutschlands in Sachen „Wiederaufbau“ und „Lastenausgleich“ nachhaltig erschüttern. Bernhard Schulz

KUNST

Die Wahrheit

ist nackt

Die Wand ist nackt. Die sieben Erwachsenen und das Kind auf dem Foto sind es auch. Allein der kleine Junge dreht sich zur Kamera um. Die anderen halten die erhobenen Hände an die Wand und spreizen ihre Beine, als wär’s eine Razzia. Das berühmte Kommune-1-Bild darf in der nun um einen gewichtigen 68er-Schwerpunkt ergänzten Dauerausstellung der Berlinischen Galerie nicht fehlen. Bildende Kunst, Fotografie, Architektur zwischen 1914 und 1968 geben hier ein dichtes Bild von Berlin im Umbruch (Alte Jakobstraße 124-128, Mi-Mo 10-18 Uhr). Bildaussage und Wahrheitsgehalt gingen bei jenem Foto allerdings auseinander. Auftraggeber war „Der Spiegel“, und eine Kommunardin erinnerte sich später: „Bei dieser Gelegenheit habe ich zum ersten Mal alle nackt gesehen.“ Fotografiert wurde der kollektive Rückenakt von Thomas Hesterberg, von dem knapp 30 Schwarzweißbilder aus jenen wildbewegten Jahren integriert sind. Politik, Provokation und Privates vermischen sich: Rudi Dutschke schleppt Einkaufstüten, Demos ziehen vorbei, der Berliner Studentenausschuss warnt Haschischraucher, sich nicht „von der Justiz verheizen“ zu lassen.

Aus den frühen Siebzigern stammen Aufnahmen der legendären Szenekneipe „Dschungel“ am Winterfeldplatz, die Hesterberg später zur Collage zusammengefügt hat. Informativ sind diese Dokumente allemal, aber bleibende Symbolkraft – Inszenierung hin oder her – bleibt nur der nackten Kommune 1 vorbehalten. Die „Spiegel“-Bildredaktion retuschierte übrigens zwischen den Männerbeinen herum. Auf dem Originalabzug ist wirklich alles dran. Jens Hinrichsen

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