Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Im Fluss der

Erinnerung

Es ist eine tückische Sache mit der Erinnerung. Immer wieder wechselt das Erinnerte seine Gestalt, und wie sicher können wir sein, dass eine Variante die richtige ist? Für die Schweizer Medienkünstlerin Penelope Wehrli, die seit 1996 in Berlin lebt, ist Erinnern ein Vorgang des ständigen Löschens und Neu-Definierens – ein kreativer Akt. Um das räumlich darzustellen, nimmt sie die Figur des Orpheus, der, so Wehrli, in seinem Blick zurück die entschwindende Eurydike in der Erinnerung immer wieder neu erfinden würde. In ihrem Projekt „camera orfeo“ im Radialsystem (3.-7. Juni, 20 Uhr) durchdringen sich drei wandelbare Komponenten: Optik, Musik und Bewegung. Auf fahrbaren Videowänden muss Eurydike (Junko Wada) zurück in die Unterwelt. Vom Tonband erklingt die in Fragmente zerteilte Arie „Possente Spirto/Orfeo son lo“ aus der ersten Oper „L’Orfeo“ von Monteverdi (Stimme: Rickie Eden), die in sich bereits ein kunstvolles Gebilde aus ineinandergefügten Wiederholungen ist. Die rund hundert Besucher bewegen sich frei im Raum und bestimmen mittels Motion Tracking, welches Fragment gespielt wird. Nichts ist vorhersagbar, alles im Fluss, wie die Erinnerung. Dennoch: Das Prinzip des Projekts hat man nach zehn Minuten verstanden, danach erschöpft es sich in der Wiederkehr des Immergleichen. Obwohl sich ständig alles ändert, gibt es keine Variation. Der kreative Augenblick, der eigentlich gezeigt werden soll, bleibt aus. Immerhin ändert sich durch die abnehmende Besucherzahl das Klangverhältnis im Saal. Wahrscheinlich ist auch das gewollt. Udo Badelt

KUNST

Im Hamsterrad

der Erinnerung

Wie wenig es doch braucht, um ein beklemmendes Gefühl zu erzeugen: ein alter WK-Sozialwerk-Schrank. Abgetragene Herrenschuhe. Ein Gehstock. Intime Sedimente eines fremden Lebens. Der Argentinier Eduardo Molinari ist einer von sieben Stipendiaten, die die Akademie der Künste in einer spannenden, bezugreichen Ausstellung präsentiert („In 7 Feldern“, bis 21. Juni, Di-So 11-20 Uhr, Hanseatenweg 10). Molinari installiert einen Guckkasten der Erinnerung. In einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher treffen sich Marlon Brandos Pate, Pläne von Strafkammern und die Staatenlenker vom Heiligendammer Strandkorb im Hamsterrad der Geschichte. Das ist dann doch etwas dick aufgetragen. Farbenfroher und zugleich subtiler taucht Conny Bosch in die kollektive Erinnerung ab: Sie montiert Postkartenmotive der DDR aus den sechziger und siebziger Jahren in Unterwasser-Fotografien. Die serielle Anordnung und die digitale Schärfe der Prints wecken den Eindruck eines belebten Aquariums. Vor dem gleichmütigen Wiegen der Korallen scheint jede Utopie zart und vergänglich.

Den geschichtsgetränkten Arbeiten stehen die abstrakten gegenüber: Timo Kube zeigt Monolithen in Öl auf Leinwand und in Bleistift auf Spiegel. Astrid Köppes minimalistische Symbole auf Emaille erinnern ihrerseits an eine Typologie von Meereswesen, entziehen sich aber in fröhlicher Selbstgenügsamkeit jeder Festlegung. Auf der Suche nach einem möglichst neutralen Hintergrund hat sich die Zeichnerin die alte Kunst der Schildermalerei erschlossen. Eine bemerkenswerte gestalterische und technische Konsequenz.Kolja Reichert

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