Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

ROCK

Ein bisschen Spaß

muss sein

Die Sonne strahlt, der Himmel ist blau und der Abend mild: ideale Bedingungen auf der Spandauer Zitadelle, wo sich die „Generation 50 plus“ versammelt, einen alten Helden zu feiern. Die Band spielt sich ein in einen schwer treibenden Louisiana-Sumpf-Groove. Zwei Gitarren, Orgel, Schlagzeug, Bass grummeln und grollen, rocken und rollen als Vorglüher, bis John Fogerty dazu springt, in rotem Flatterhemd, Jeans und Stiefeln. Jünger, schlanker und gesünder sieht er aus als seine Fans – dabei ist er schon 63 Jahre alt. Mit seiner Goldtop-Les Paul sprintet er ans Mikro: „Wir werden ein bisschen Spaß haben!“ Er singt „Born On The Bayou“, wie es nicht besser passen könnte auf diese kleine Insel im „Bayou“ der Havel. Es ist immer noch die schöne raspelige Soul-Shouter-Stimme von damals, als Fogerty Anfang der siebziger Jahre Frontmann der formidablen kalifornischen Creedence Clearwater Revival war. Bis er sich, zermürbt vom Streit um die Rechte an seinen unzähligen, millionenfach verkauften Hits, auf Jahre aus dem Musikgeschäft zurückzog.

Nach langer Pause veröffentlichte er letztes Jahr das Album „Revival“, ging wieder auf Tour und belebte seine alten CCR-Songs mit jugendlichem Furor. Das gelingt auch heute wieder trefflich. Klassiker wie „Bad Moon Rising“, „Green River“, „Who’ll Stop The Rain“, „Lookin’ Out Of My Back Door“ klingen frisch, lebendig, zeitlos. Dazwischen fügen sich nahtlos die neuen Songs. Unterschiedliche Gitarren, abwechslungsreiche Sounds, schweres Geriffe, rasante Soli im Laufschritt zwischen beiden Bühnenseiten. Louisiana- Swamp, Blues, Country, Boogie, Bluegrass, Rockabilly, alles stilsicher und lässig, im Einklang mit der dampfenden Band, die dasteht wie eine Wand aus Gitarren. Mit einem exquisiten, jungen Multiinstrumentalisten an Fiddle, Banjo und Steelguitar.

Jeder Einsatz kommt auf den Punkt, jeder dynamisierend vorgezogene Taktschlag, jeder Break, dass es ein Vergnügen ist. Und Fogertys Stimme raspelt rau im vollen Soul- und Blues-Glanz, ohne zu straucheln, ohne die Kraft zu verlieren, ohne nach ausgelutschter Oldie-Show zu klingen. Nach zwei prallen Stunden knallen noch „Rockin’ All Over The World“ und „Proud Mary“ hinterher. Und so war es schließlich weit mehr als nur ein bisschen Spaß. H. P. Daniels

KLASSIK

Flüstern

und Schreie

Diana Damrau, die gefeierte Koloratursopranistin, deren künstlerischer Horizont weit über die pure Vokalvirtuosität hinausreicht, scheint im vierten Konzert der Philharmoniker-Reihe „Liedkunst – Kunstlied“ im Kammermusiksaal förmlich darauf zu brennen, die Vielschichtigkeit der unterbelichteten Gattung unter Beweis zu stellen. Diana Damrau nämlich „besitzt“ ihre außergewöhnliche Stimme nicht nur, sondern sie macht ihr Singen und das Gesungene auch in jedem Moment bis in die kleinste Bewegung des Körpers plastisch. Es gelingt ihr mit stupender Perfektion und höchst kommunikativer Eleganz, die kleinteilige Textarbeit einer Liedinterpretin mit der unbändigen emotionalen Extroversion der Opernsängerin zu beleben.

Großspurig wirkt das nie, weil sie dabei stets von Mozart herkommt. Auch wenn die Komponisten des Abends – nicht nur Mendelssohn-Bartholdy sowie Robert und Clara Schumann, sondern auch Alban Berg, Alexander Zemlinsky und Richard Strauss – allesamt Liedromantiker im Geiste sind, gelingen Damrau die Lieder mit klassischer Strophenform und lyrisch geschlossener Periodik am beeindruckendsten. In Schumanns dunklem Lied von der Lotosblume oder Strauss’ „Ständchen“ kann sie, nicht zuletzt durch die Halt gebende Begleitkunst des Pianisten Stephan Matthias Lademann, Flüstertöne und zarte gestische Einwürfe auf eine lineare musikalische und textliche Entwicklung stützen. In Mendelssohns walpurgisnächtigem „Andren Maienlied“ geht diese Entwicklung bis zu einem irren Schrei, der völlig logisch das Lied beschließt.

Man ist überwältigt, nicht zuletzt von der Disziplin, die hinter der Gestaltung all dieser Details steckt, und versteht besser, warum sich Diana Damrau als feingeistige Textdarstellerin auch auf der Opernbühne nie hinter einem noch so gleißenden Sopran verstecken muss. Matthias Nöther

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