Kultur : KURZ & KRITISCH

Kerstin Roose

KUNST

Labyrinth

der Linien

Seine Gedanken färben ihr Kleid blutrot. Ein Mann steht hinter einer sitzenden Frau. Aus seinem Antlitz strömen rote Linien, ergießen sich über ihr Haar, begraben ihr Gesicht, perlen an ihrem Körper hinunter. Die Zeichnung daneben kennt für die schwierige Beziehung zwischen Felice Bauer und Franz Kafka keine Farben mehr. Ihre Körper sind zu Schemen geronnen, aus schwarzen Konturen brechen Lungen und Herzen hervor. Ähnlich wie im umfangreichen Briefwechsel zwischen der Prokuristin und dem Schriftsteller ist dies ein intimes Bekenntnis des fünfjährigen Liebeshöllenzaubers und dabei auch Zeugnis des verquälten künstlerischen Daseins Kafkas. Vor allem letzterem spürt der Schweizer Maler, Zeichner und Installationskünstler Pavel Schmidt nach. Seine Ausstellung Franz Kafka – Verschrieben und Verzeichnet ist in der Eric F. Ross Gallery des Jüdischen Museums (bis 22. 6.) zu sehen. Schmidt hat sich Figuren und Menschen aus Kafkas Werk und Leben genähert und jeder der 49 Zeichnungen im Nachhinein eine unveröffentlichte Textzeile Kafkas zur Seite gestellt. Dabei besteht „weder ein bewusst gesuchter noch ein unmittelbarer Wort – Bild – Zusammenhang.“ Wie Kafkas Texte laufen die Arbeiten dem Bedürfnis nach eindeutiger Sinngebung zuwider und versuchen nicht zu erklären, was sich einer Erklärung entzieht. Im Gegenteil. Schmidt betont die Rätselhaftigkeit der kafkaschen Textwelten und fügt ihrem labyrinthischen Charakter noch einige Irrpfade hinzu. Den Betrachter, verloren zwischen Zeilen und Linien, führt dies in einen Schwebezustand angenehmer und inspirierender Ratlosigkeit. Kerstin Roose

JAZZ

Zauber

der Klarheit

Um kurz nach zehn kommt Steven Bernstein mit seiner Slide-Trompete auf die Bühne des A-Trane. Es ist fast zehn Jahre her, dass er und seine Band Sex Mob in Berlin spielten. Schlagzeuger Kenny Wollesen, Bassist Tony Scherr und Altsaxofonist Briggan Krauss sind versierte Musiker aus dem Umfeld der New Yorker Downtownszene, der ehemaligen Knitting Factory und John Zorns Tsadik-Label, aber vor allem aus der Zeit von John Luries Lounge Lizards, für die Bernstein bis 1998 arrangierte. Der Höhepunkt waren damals die Berlin Konzerte 1991 im Quartier Latin, legendär bis heute.

Sex Mob zeigen sehr schnell, wie sich die Downtown-Musik seit dieser Zeit entwickelt hat. Sie ist gereift, sicher und spielerisch virtuos, aber auch ernster geworden. Die Band stand bisher vor allem für Coverversionen von Bondmelodien und Popsongs. Ironisch verfremdet, immer abrupt abbrechend. Die plötzlichen Wechsel sind geblieben und tun der Musik nicht immer gut. Jede Stimmung wird fast sofort durch einen starken Kontrast gebrochen. So wirken das Bond-Theme oder „As Tears Go By“ von den Stones im ersten Set fast unerträglich kitschig. Trotzdem haben der Trompetenton Bernsteins und seine schnellen Phrasierungen eine Klarheit und Dichte, die in Berlin lange nicht zu hören war. Und niemand hält den Beat so lässig wie Tony Scherr. Auch Bernsteins sehr freie Neuinterpretation von Ellington-Kompositionen zeigt, dass Ellington nicht nur für schwarze Tradition stehen muss. Die Downtown-Jazzclubs sind mittlerweile geschlossen, die Szene ist nach Brooklyn gewandert. Und Bernstein erzählt, wie er sich die Berliner vorstellt: Sie sitzen in ihren Wohnungen, trinken schwarzen Kaffee, rauchen und lesen Bertolt Brecht. Sehnsuchtsumwandert, aus einer anderen, fernen Zeit. Maxi Sickert

ARCHITEKTUR

Irritation

der Geraden

Das Haus am Waldsee mit seinem sich zum Wasser hin öffnenden Garten ist wohl Berlins idyllischster Ausstellungsort für Gegenwartskunst. Die Lage im Villenviertel zwischen Mexikoplatz und Schlachtensee empfiehlt sich nicht nur für Kunstausflüge - einige der wichtigsten Architekten der Moderne haben hier Spuren hinterlassen. Der neueste Einfall im Ausstellungshaus ist daher naheliegend: Ein Audio-Guide stellt in 13 Stationen die architektonischen Höhepunkte des Viertels vor – Villen im britischen Landhausstil von Werkbund-Gründer Hermann Muthesius neben Meisterwerken des Funktionalismus wie Martin Gropius’ Haus Lewin und das Haus Abraham von Korn und Weitzmann (Ausgabe und Fahrradverleih in der Argentinischen Allee 30, tgl. 11-18 Uhr). In der privaten Auftragsarbeit zeigen die Architekten irritierende Abweichungen. Muthesius etwa verblüfft mit Barock-Anklängen, van der Rohe mit Klassizismus. So lassen sich anschaulich die Konflikte zwischen Tradition und Moderne ablesen, zwischen Repräsentation und Funktionalismus.

Den Schlusspunkt bildet der „Loft Cube“ aus der Werkstatt des Berliner Designers Werner Aisslinger, der seit 2007 im Garten vom Haus am Waldsee präsentiert wird. Er überführt den funktionalistischen Geist ins Utopistische: ein Haus wie ein Ipod, konzipiert, um den urbanen Nomaden per Hubschrauber um die Welt zu folgen. Kolja Reichert

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