Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

VOKALPOP

Kapellen und

Kindergärten

Eine Katzenmeute mauzt in der linken Hälfte des Postbahnhofs herum, rechts kläfft ein Rudel Hunde. In der Mitte steht im knallorangen Kleid Camille, die das animalische Ensemble dirigiert. Sie hat ihr Publikum fest im Griff: Ob Stampfen, Klatschen oder Singen – die Menge macht alles auf erstaunlichem Niveau mit. Und wird so zum Teil des Vokalkunstkonzepts der 30-jährigen Pariserin, die als Sängerin des Bossa-Nova-Cover-Projekts „Nouvelle Vague“ bekannt wurde. Ihre wahre Liebe gilt jedoch der A-cappella-Musik. Mit „Le Fil“ und „Music Hole“ hat sie bereits zwei Alben veröffentlicht, die fast völlig auf Instrumentierung verzichten. So gibt es auf der Bühne nur einen Flügel – aber jede Menge Mikrofone. Drei Sänger, zwei Sängerinnen und zwei Beatboxer bilden Camilles Band. Sie legen fingerschnipsend und zungenschnalzend das Fundament für ihre Chefin, die problemlos von Chanson auf Pop umschaltet. Live funktioniert das besser als auf Platte, wo die gaghafte Stimmakrobatik mitunter ziemlich anstrengend wird. Besonders erhebend sind die Momente, in denen die Gruppe von perkussiven Aufgaben befreit einfach mal ein schönes Chorarrangement wie in „Kfir“ singt. Aus der Kapelle geht es dann gleich wieder in den Kindergarten – Spaß ist bei Camille Trumpf. Bei ihrer Mariah-Carey-Parodie „Money Note“ singt sie sogar das Mikro kaputt und lässt sich am Ende im Neoprenanzug auf Händen aus dem Saal tragen – Stagediving in Vollendung. Nadine Lange

SALONMUSIK

Sterne und

Stolperer

Vielleicht führt das letzte Lied ins Zentrum dieses Abends. Meret Becker singt „Anmut sparet nicht noch Mühe“ von Bertolt Brecht. Sie singt es nicht gut, vergisst mehrmals den Text, muss bei ihren drei Freunden von Ars Vitalis nachfragen. Und dennoch jubelt das Publikum, steht Kopf, denn genau mit dieser verhuschten Unbekümmertheit, die quasi die Probe auf die Bühne verlegt, hat Becker ihre Besucher im Admiralspalast schon zwei Stunden lang in Bann geschlagen. Sie nuschelt in sich hinein wie eine Wahnsinnige, die sich nicht darum kümmert, ob sie verstanden wird. Gerade deshalb kann man nicht weggucken.

Es geht ein spröder Reiz aus von dieser Show, deren Titel „Harmonie Desastres“ (wieder heute und am 6. 6., 20.30 Uhr) die Widersprüchlichkeiten des Abends auf einen Nenner bringt. Denn in manchen Momenten greift Becker durchaus nach den Sternen. Mal Göre, mal Cowgirl, wechselt sie ihre Charaktere so schnell wie ihre Stimmhöhe. Virtuos verleiht sie einer Hasenpuppe Leben und bringt eine Säge zum Singen. Das Trio Ars Vitalis lockt Klänge aus den entlegensten Gegenständen. Das ist beeindruckend, aber vieles bleibt Artistik; tiefere Räume öffnet es nicht. Immerhin, ein lustiger Abend. Udo Badelt

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