Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Tanzen

macht Laune

Es ist ein sanfter, unendlich freundlicher Mozart, den Jewgenij Kissin und die Kremerata Baltica in die Philharmonie mitbringen. Kissin, der russische Starvirtuose, bündelt sein Temperament in Mozarts d-Moll- und B-Dur-Klavierkonzerten ( KV 466 und 595) zu kostbar innigen Augenblicken. Ein Riese, der ein kleines Pelztier streichelt, ein Vollblutpianist, der jedes Motiv, jede Melodie behutsam beseelt. Und ein Wildfang, der in den Kadenzen auch mal zu wieselflinken Streichen aufgelegt ist. War da was?

Das edle Timbre der Kremerata Baltica fügt sich bestens zu Kissins Handschmeichlern, blitzgescheit und herzerwärmend ihre Melange aus Elegie und Energie. Zwischen den beiden Klavierkonzerten beweist das Ensemble mit Prokofjews „Symphonie classique“ erneut, dass knapp vierzig Musiker auch ohne Dirigent der Spielfreude frönen können, ohne auch nur einen Moment aus der Kurve zu fliegen. Und in Brittens lustvoll geschmacksverstärkten „Variations on a Theme of Frank Bridge“ verbreiten sie gute Laune mit grotesken Walzertanzschritten und einem delikat austarierten Diminuendo in der Romanze. Christiane Peitz

ROCK

Keine Macht

den Drögen

Sonne, Hitze, Trockenheit – ein Wetter wie gemalt für den Auftritt der Queens Of The Stone Age, den Königen des DesertRock aus Kalifornien. Gitarrist und Sänger Josh Homme spornt in der Zitadelle Spandau seine tätowierten Mitstreiter zur Höchstleistung an. Kein prätentiöses Gegniedel, sondern Hardrock-Coolness mit pumpendem Bass, ein wenig Pedal-Steel und Staubfressergitarren, die sich Scheingefechte liefern, bis es klingt, als würde eine imaginäre Sense in die Kniekehlen der Musiker fahren. Mittendrin der „Feel Good Hit of the Summer“, in den Homme spontan die ersten Zeilen von Amy Winehouse’ Entzugsverweigerungshymne „Rehab“ implantiert. „No, no, no“, versichert er, von den Drogen wird auch er nicht lassen und zählt seine Favoriten auf: „Nicotin, Valium, Vicodin, Marijuana, Ecstasy and Alcohol, C-C-C-Cocaine“. Das Drogenbekenntnis wird zum Mitklatsch-&-Mitgröl-Höhepunkt im Best-Of-Querschnitt der Steinzeitrocker. 1997 waren die Queens aus der Vorgängerband Kyuss hervorgegangen, wer über Jahre hinweg solch einen an sich selbst entwickelten, abgeklärten, monolithischen Hardrock spielt, der kann sich auf eine treue Fangemeinde verlassen, die jeden Song katatonisch aufnimmt wie einen Schluck Wasser in der Wüste. Und dann das Feuerwerk. Volker Lüke

KLASSIK

Alle Macht der

Nonchalance

Evgeni Koroliov ist kein Tastenlöwe, auch kein Magier der Klangfarben. Der schmächtige russische Pianist beginnt im Konzerthaus ganz unprätentiös mit Bachs 15 dreistimmigen Inventionen. Musik mithin, die mehr für den Unterricht als für den Konzertsaal komponiert wurde. Koroliov versucht auch gar nicht erst, die Stücke mit Gewalt aufzupeppen, meidet Extreme in Tempo und Dynamik. Erst die hochverdichtete Chromatik der Schlussnummer fängt unter seinen Händen zu glühen an.

Koroliov sucht nicht den Ausdruck, er wartet, bis der Ausdruck ihn findet. Was ihm später mit vier Kontrapunkten aus der „Kunst der Fuge“ mühelos gelingt, hier ranken sich die Linien in kontrollierter Wollust übereinander, dass es eine Freude ist. Mit Strawinsky hat er Anlaufschwierigkeiten: Bei der „Serenade in A“ fremdelt er mitunter. Umso frappierender, mit welcher Nonchalance, Lakonie und Ironie er dann die „Piano Rag Music“ von 1919 intoniert. Und auch bei Beethovens später Sonate A-Dur op.101 führt er gleich die unendlich verästelten Lyrismen im Kopfsatz mühelos zu großer Stringenz. Dieser Pianist hat eine ganz eigene Aura zwischen skrupulösem Feinsinn und zuweilen ängstlicher Hingabe. Dem Publikum gefällt das, es bekommt zwei Zugaben. Ulrich Pollmann

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