Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

BLUES

Verzweiflung und Wut

Zart und zerbrechlich wirkte Cat Power bei ihrem letzten Berlin-Besuch im Winter 2006. Eine Entzugstherapie lag noch nicht lange hinter ihr. Als die 36-Jährige jetzt auf die Bühne des ausverkauften Postbahnhofs kommt, ist sie fit und energiegeladen. Kein Vergleich zu damals. Chan Marshall, genannt Cat Power, konzentriert sich diesmal ganz aufs Singen. Begleitet wird sie von der vierköpfigen Dirty Delta Blues Band, mit der sie zuletzt das Album „Jukebox“ aufgenommen hat. Es ist eine Cover-CD und so steht auch das Konzert im Zeichen ihrer Interpretationskunst. Von den Originalen bleibt meist nicht mehr als der Text. Wie sie sich etwa in „Woman left lonely“ aus stiller Verzweiflung in eine Wutwelle hineinsteigert, ist schlichtweg groß. Noch intensiver als auf dem Album, das sie schon hinter sich gelassen zu haben scheint. So spielt sie viele neue Adaptionen, etwa Creedence Clearwater Revivals „Fortunate Son“ und Fleetwood Macs „Dreams“. Mit jedem Ton ihrer tiefkehligen Stimme wird deutlich, dass Cat Power durch und durch Blues ist. Sie hat die einsamen Tage alle erlebt, von denen sie singt. Und sie hat sich ein Rettungsfloß gebaut aus den Liedern von Billie Holiday, Bob Dylan und Joni Mitchell, deren Blues sie wie eine Meditation zelebriert. Nach 100 Minuten steht sie allein auf der Bühne und bedankt sich mit Blumen. Ein bewegender Abend. Nadine Lange

 

KLASSIK

Kontrolle und Ekstase

Es war einmal eine singende Muse der Avantgarde: Cathy Berberian. Für sie hat Luciano Berio unter vielem 1964 „Folk Songs“ komponiert. Es spricht nun für Elina Garanca, die international als Star herumgereichte Mezzosopranistin, dass und wie sie sich den Zyklus angeeignet hat. Der Stimme wird in diesen Liedern keine Spaltung der Sprachelemente abverlangt, wie Berio sie sonst betrieben hat, sondern Einfühlung in eine Weltmusik aus Liedern heterogener Herkunft. Von „Black is the colour“ bis zum aserbaidschanischen Tanzlied gelingt es Garanca, den prophetischen Zauber einer Musik zu entfalten, die heutigem Multikulti vorangeht. Ihr Gesang ist so natürlich, dass er die Begriffe Publikumsliebling und Diva kongruent macht. Für die sublimierte Volkstümlichkeit der Begleitung – zwei Solobratschen bis zur orchestralen Riesenharfe – stehen die Berliner Philharmoniker unter Mariss Jansons ein. „Je valse frénétiquement“: Maurice Ravels Äußerung zu seiner Komposition von „La Valse“ wird durch Jansons und die Musiker zum Jubel des Publikums in der Philharmonie umgesetzt. Dabei ist die eiserne Kontrolle über jede Note, die zum Wesen des Dirigenten gehört, dem Zwielicht der Musik, ihrem Hin- und Herwogen weniger günstig als ihrer Ekstase. Die Sechste von Schostakowitsch aber zeigt Jansons ganz in seinem Element als Meister unpathetischer Melodik und knisternder Präzision. Nicht zuletzt weil die Philharmoniker ihm engagiert zuspielen: von der grandiosen Bassgruppe bis zu den vielen Soli, die bis in die erlesene Groteske reichen. Sybill Mahlke

INSTALLATION

Kinderlachen und Fledermausflattern

Eine Hörinstallation im Freien ist leicht gemacht: Das Publikum bitten, sich auf eine Markierungen zu stellen und die Ohren zu spitzen, das Zufallsprogramm von Kinderlachen bis Bremsenquietschen kommt von selber. Jene neun in Prenzlauer Berg verteilten „Klanginstallationen“ von Akio Suzuki sind eher ein Witz denn überzeugender Beitrag zur Singuhr-Hörgalerie, die mit drei Künstlern in ihre dreizehnte Saison geht (Wasserturmquartier Belforter, Diedenhofer Str., bis 13.7., Mi-So 14-20 Uhr). Die interessante Klangkunst findet – im zweiten Singuhr-Jahr nach dem Abschied von der Parochialkirche – in den beiden zwischen 1853 und 1892 erbauten Wasserspeichern statt. Im kleinen Speicher präsentiert Ulrich Eller seine „talking drums“, drei Dutzend an den Pfeilern verteilte Trommeln. Der große Wasserspeicher nebenan besteht aus fünf Kreisgängen: Mit „Echolocation“ schickt Aernoudt Jacobs uns ins Innere der Architektur, durch die Fledermausgeräusche hallen. Die Klänge schallen aus Sendegeräten, die die Mitspieler durchs Labyrinth tragen: Die Fledermaus bist du. Jens Hinrichsen

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