Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Klippen und

Fluten

Als die Nazis kamen, verschwand das Werk in der Versenkung und sein Schöpfer in der inneren Emigration. Dabei war das Te Deum von Walter Braunfels bis 1933 nicht weniger als 50 Mal aufgeführt worden. Der Komponist erlebt derzeit so etwas wie eine Mini-Renaissance in Berlin, was auch die unlängst abgespielte „Heilige Johanna“ an der Deutschen Oper beweist. Heute gehört Mut dazu, das gänzlich unbekannte, an die Grenzen des Machbaren stoßende „Te Deum“ aufzuführen – in seinen zeitlichen und klanglichen Ausmaßen ist es nur Mahlers „Sinfonie der Tausend“ vergleichbar. In der Philharmonie wird Manfred Honeck für diesen Mut mit stürmischem Beifall und Bravos belohnt. Der frischgebackene Stuttgarter GMD lenkt das Deutsche Symphonie Orchester und den Rundfunkchor Berlin wie Schlachtschiffe durch die aufbrandenden Klangfluten, alle Fährnisse harmonischer Strudel und rhythmischer Klippen geistesgegenwärtig umschiffend. Und Schlachtenbilder drängt die Musik wahrhaftig auf: heftige Paukenschläge, gleißende Fanfaren unterlaufen in martialischen Punktierungen ein Gotteslob, das in seiner verzweifelten Affirmation überwältigt – nachdem er die Greuel des Ersten Weltkriegs erleben musste, trat der Komponist zum Katholizismus über.

Und so gleiten die Stimmen immer wieder in fahle Abgründe, verlieren sich an den Grenzen der Tonalität, während im zweiten Satz das Jüngste Gericht durch fast tonlose Posaunen und geräuschhaft fauchende Orgel verstörend beschworen wird. Der überirdischen Reinheit des Chores, unfehlbar textverständlich noch im gewaltigsten Orchestergetümmel, stehen Michaela Kaune und Kurt Streit als menschlicheres Solistenpaar gegenüber, manchmal opernhaft wie im Liebesduett verbunden und besonders anrührend im letzten „In te, Domine, speravi“. Ein vielschichtiges Werk, das die Entdeckung lohnt. Isabel Herzfeld

KUNST

Empathie und

Dialog

Wie lassen sich globale Entwicklungen in Bilder bannen? Wie ist ein kritischer Blick auf das Nebeneinander verschiedener Lebenswirklichkeiten möglich, jenseits von Effekten und Klischees? Mit den Fotografien des Künstlers Klaus Mettig sucht das Realismusstudio der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (Oranienstr. 25, bis 13. 7.) eine Antwort. Seine Panorama- Prints zeigen lagernde Menschengruppen in Kathmandu, Wolkenkratzer-Steppen in Schanghai oder Großstadtkämpfer in New York. Die Reklame einer Immobilienfirma in Dubai gibt den Titel vor: „Don’t be left behind.“ Dieses Mantra der Globalisierung schwebt wie ein Damoklesschwert über den Motiven: Bloß nicht zurückfallen. Die Menschen sind Getriebene oder Abgehängte, die Räume sind Durchgangsräume, ihre Zustände Zwischenstadien. Einzig der alte Flaneur auf einer Parkbank in Manhattan scheint in sich zu ruhen. Doch bildet er nur den Kontrapunkt zu den beiden schlafenden Obdachlosen im U-Bahnhof.

Der Ansatz eines globalen Überblicks erinnert an die manipulierten Fotografien von Andreas Gursky. Doch während der die Welt aus einer göttlich-überlegenen Perspektive zeigt, folgt Mettig einem in den beschleunigten Bilderströmen zunehmend prekären Wert: Empathie. Der Fotograf versteht sich nicht als Beobachter von Situationen, sondern als Teilnehmer. Selbst der spektakuläre Shot eines Straßenkampfes ist frei von Sensationslust. Fotografieren ist für Mettig, der alle Abzüge eigenhändig macht, ein Dialog. So gelingt es ihm tatsächlich, voreingenommene Perspektiven zu meiden und die Motive selbst sprechen zu lassen. Elend, so zeigt er, hat viele Gesichter: Vereinzelte New Yorker erscheinen nicht weniger beunruhigend als die Armen von Delhi.

Im Haus am Kleistpark (Grunewaldstr. 6-7) bieten drei Dia-Projektionen Mettigs aus den Jahren 1978 bis 1985 einen interessanten methodischen Vergleich. Die starken Bilder aus Ost- und West-Berlin oder Peking tragen inzwischen eine Patina, die sich nicht nur dem Alter der Motive verdankt. Die auratische Aufladung durch Nachbearbeitung und Choreografie würde heute schlicht nicht mehr überzeugen. Die nüchternen Prints bewirken viel mehr. Kolja Reichert

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