Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Alte Meister befragen

Mit einem fulminanten Konzert beschließt András Schiff seine Saison als Gastpianist der Philharmoniker. Im ausverkauften Kammersaal präsentiert er mit Stipendiaten der Orchesterakademie Bach und Bartók. Die beiden haben mehr gemeinsam als die Anfangsbuchstaben: Neben einer Neigung zum polyphon durchgearbeiteten Satz zeichnen sie sich durch einen ausgeprägten Hang zur rhythmischen Motorik aus, zum permanenten Bewegungstrieb. Die erste Konzerthälfte gibt sich sommerlich beschwingt, Bachs Klavierkonzerte Nr. 1 und 5 gehen den Musikern so leicht von der Hand wie den Hörern ins Ohr. Die Streicher formen die Dynamik mit präzisem, vibratolosem Klang fast so souverän wie ein eingespieltes Kammerorchester. Schiff lässt die Solopassagen in feinsten Nuancen perlen, der langsame Mittelsatz des d-moll Konzerts gerät mit seiner schon auf Mozart vorgreifenden intimen Melodik zum anrührenden Höhepunkt.

Dagegen wirkt Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug (Schiffs Partner ist hier Dénes Várjon) zunächst fast wie ein Schock, die Klangsplitter der Anfangspassage prasseln wie Eispickel. Lustvoll wühlen sich die beiden ungarischen Pianisten durch die brachialen rhythmischen Konstrukte ihres Landsmanns, finden dann im folkloristisch gefärbten Schlusstanz wieder zu sommerlicher Heiterkeit. Übrigens ist dieser Abend glücklicherweise kein echtes Abschiedskonzert: In der nächsten Saison wird András Schiff in Berlin seinen Beethoven-Sonaten-Zyklus beenden. Ulrich Pollmann

 

POP

Mehr Melancholie wagen

Die hinteren Reihen der Volksbühne sind leer geblieben. Joan Wasser ist trotzdem zufrieden, als sie in den Saal späht: „Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass ihr alle zu Kiss geht“, sagt sie. Und kann kostümmäßig locker mit den alten Masken- Rockern mithalten: Sie trägt eine kurze, braune Glitter-Pumphose, ein dreifarbiges Pailletten-Top und seltsame goldene Stiefel. Die New Yorkerin hat einen speziellen Geschmack, und auch die Musik ihres Trios Joan as Police Woman ist sehr eigen. Es fällt schwer, sie einem Genre zuzuordnen: Singer/Songwriter, Soul, Kammer-Pop – all das stimmt höchstens halb. Sie selber hat einmal „Punk Rock R&B“ und „American Soul“ vorgeschlagen.

Mit „To Survive“ ist gerade das zweite Album erschienen, in Berlin startet die dazugehörige Tour. Trotz einiger Premieren-Wackler wird schnell klar: Joan as Police Woman halten das hohe Niveau ihres Debüts von 2006. Mit „Honor My Wishes“ und „To Be Lonely“ steigen sie tief hinab in bluesige Melancholie-Keller, in denen bei aller Düsternis immer auch tröstende Harmonien glimmen. Schneller und grooviger wird es dann mit „Holiday“ und „Hard White Wall“, für die Joan Wasser vom Flügel an die halbakustische Gitarre wechselt. Als sie sich zu einem Verstärker herunterbeugt, sieht man auf ihrem Rücken das Wort „Lucky“. Und in der Tat wirkt die 37-Jährige gelöst und glücklich an diesem Abend. Sie macht witzige Ansagen, wird aber sofort wieder ernst, wenn sie dem verstorbenen Songwriter Elliott Smith ein Stück widmet oder erklärt, dass das Zugaben-Solo „To Survive“ von ihren und den Ängsten ihrer Mutter handelt. Ein rubinrot glitzerndes, großes Konzert. Nadine Lange

 

KLASSIK

Nicht zaudern, nicht zagen

Klotzen ist schöner als Kleckern: Es wird ein lauter Sonntagabend mit Marek Janowski und dem Rundfunksinfonie-Orchester Berlin im Konzerthaus. Schon bei der Orchesterfassung von Beethovens Großer B-Dur-Fuge legen sich die Streicher mit trotzigen Punktierten mächtig ins Zeug, die Kontrabässe lösen regelrechte Erdbeben aus. Versuch über die Unerbittlichkeit: So wie Beethoven Bachs Kontrapunktik Nachdruck verleiht, übersteigert er in der Konzertarie „Ah perfido – per pièta“ Mozarts tragischen Ton: Anja Harteros verleiht dem Furor eine Stimme und zelebriert 17 Arten, den Liebestod zu sterben.

Nach der Pause dann das Finale des RSB-Bruckner-Projekts. Auch in der monumentalen Sechsten Sinfonie – Spieldauer: eine Stunde! – entfacht Janowski Wut und Glut, setzt nach der zittrigen Klangfläche des vielfach repetierten Cis zu Beginn auf Stufendynamik sportliche Rhythmen und schroffes Blech: Noch die Oboe trompetet. Zwar legt er das Seitenthema des Kopfsatzes als stream of consciousness an und entlockt dem Adagio flehentliche Emphasen, aber irgendwann ermüdet der unentwegt nervös sich ermannende Mut zur Härte dann doch.

Das Scherzo: von Null auf Hundert. Die Schlüsse: keine Angst vor Unwuchten und leerem Getöse. Immer wieder sind Bruckners Brüche und Verstörtheiten für das RSB und seinen Chefdirigenten lediglich Auslöser für umso triumphalere Gesten. Bloß nicht zaudern – das verhindert auch jeglichen Zauber. Es sind die Klangfarben, die man am Ende vermisst. Jubel im ausverkauften Saal. Christiane Peitz

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