Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

KUNST

Gullideckel

zu Grillrosten

Plakate verdienen viel mehr Beachtung. Nicht jene unfreiwillige Aufmerksamkeit, die sie ohnehin auf sich ziehen, um Reize auszusenden. Sondern die Aufmerksamkeit kritischer Analyse, denn sie geben Aufschluss über die in einer Gesellschaft wirkenden Selbstentwürfe und Begehren. Die Kunstbibliothek bietet derzeit einen Überblick über den Stand der Plakatgestaltung in Deutschland, Österreich und der Schweiz (Kulturforum, bis 25. 6., Di.–Fr. 10–18, Sa./So. 11–18 Uhr). Seit 1966 kürt der aus der DDR stammende Wettbewerb 100 Beste Plakate. Von Aufrufen zur Mayday-Parade bis zu Plakaten für Smart und Pepsi decken sie alle gesellschaftlichen Bereiche ab. Die Anordnung in einem freistehenden Steckplatten-Wald unterstreicht, dass Plakate nicht Selbstzweck sind, sondern sich in ihrer Umgebung behaupten müssen.

Würste braten auf Gullideckeln, Nasenhaare werden zu Schnurrbärten frisiert. Die Exponate halten durch Stilvielfalt und spielerischen Umgang mit der Kunstgeschichte unserer sonstigen visuellen Kultur den Spiegel vor – und lassen sie blass aussehen. Das Plakat behauptet überzeugend seinen Platz zwischen all den elektronischen Leuchtflächen, die inzwischen den Informationsfluss steuern, gerade indem es sich einer schnellen Lesbarkeit entzieht. Ein Plakat der Zürcher Roten Fabrik etwa hält wie ein Riesenbilderbuch immer noch eine weitere Überraschung bereit. Robert Voss’ Plakat für ein Figurentheater fällt durch Zurücknahme auf: oben links ein kleines krakeelendes Monster, unten rechts das Logo mit Rokoko- Ornamenten, dazwischen: nichts. Die eindrucksvollste Arbeit behandelt das Thema „Menschenrechte und Kinder“ und zeigt auf roter Fläche eine weiße Baby-Silhouette, die an einer schwarzen Cola-Flasche nuckelt. Kolja Reichert

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