Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Kühler Kopf

trifft heißes Herz

Diese Frau ist ein Phänomen: Seit gut 20 Jahren besticht sie mit ihrem makellosen, warmen Mezzosopran, mit unfehlbarer Geschmackssicherheit und einer künstlerischen Neugier, mit der sie sich immer neue Bereiche der Musik erschließt. Die Jubelstürme in der Deutschen Oper erringt Anne Sofie von Otter mit den eher schlichten, ganz nach innen genommenen „Nuits d’été“ von Hector Berlioz. Wenig ist hier von Sommernächten die Rede, in denen die Liebe blüht, vielmehr von Verlust und Tod, von der Flüchtigkeit und Zerbrechlichkeit des Glücks. Diese Ambivalenz lässt von Otter in jedem Ton spüren: Wenn in der koketten „Villanelle“ das „für immer“ nachdenklich verklingt, wenn im zweiten Gesang auf dem noch ganz irdisch gemeinten Wort „Paradies“ die Stimme schon jene Piano-Transzendenz erhält, die erst später jenseitige Sehnsüchte besingen soll, wenn selbst bei der neuen Eroberung zum Schluss bereits Melancholie der nächsten Trennung mitschwingt. Mit unendlicher Ruhe formt die Sängerin weit ausschwingende Bögen, nimmt sich vor allem für Abschlüsse viel Zeit, und nur selten wirkt ihr kostbares Rosenholz-Timbre ein wenig matt.

So überlegen sie gestaltet, umweht sie doch stets ein Hauch intellektueller Kühle – was für ein Kontrast zum Dirigenten Philippe Auguin. Aus dem Orchester der Deutschen Oper kitzelt der alle Facetten dramatischer Plastizität heraus, bürstet er nach einem kontrastreichen „Carnaval romain“ die „Symphonie fantastique“ fantasievoll gegen den Strich: Mag hier auch nicht französische Clarté in unangreifbarer Präzision regieren, so wurde selten so mit dem Herzen musiziert, das innere Programm des Künstlerdramas so glaubhaft entfaltet. Isabel Herzfeld

ARCHITEKTUR

Geliebte

Utopie

Wenn in der Welt des William Shakespeare Böhmen am Meer liegt, warum sollte sich in der Welt von Meinhard von Gerkan Hamburg dann nicht in China befinden? In der Reihe Urban Planet stellte der Architekt seine Stadtutopie im Berliner Wissenschaftszentrum vor. Lingang ist der Name dieser Utopie, doch eigentlich ist sie nur eine Begleiterscheinung der wirklich großen Utopie: In ein paar Jahren soll Yangshan, der Tiefseehafen im Osten von Schanghai, der größte der Welt sein. Solch ein Superlativ braucht seine Stadt, und so soll Lingang 2020 Platz für 800 000 Menschen bieten. Von Gerkan mag diese Stadt schon jetzt, er mag sie so sehr, dass er über die offenkundigen Probleme nicht reden mag. Weder über Neokolonialismus – Zentrum von Lingang ist ein künstlicher See, wie die Alster, der Imagefilm zeigt rudernde Menschen – noch darüber, wo Lingang Platz bietet für die Hafenarbeiter.

Eine politische Frage nach dem Auftraggeber, Chinas Regierung, stellt der Moderator und Architekturhistoriker Anthony King erst gar nicht. Vielleicht ist das symptomatisch: Die Planstädte des 20. Jahrhunderts – Canberra, Brasilia und Chandigarh – sollten Hauptstädte sein, politische Macht demonstrieren. Heute gehört diese große Geste einem wirtschaftlichen Erfordernis. Denn dort liegt die Macht. Verena Friederike Hasel

ROCK

Rührender

Irrsinn

Leute, die länger durchhalten, muss man gelegentlich neu vorstellen: Mark Stewart gehört zu den Musikern, die legendäre Platten veröffentlicht haben, aber nie einem größeren Publikum bekannt wurden. Seit 30 Jahren besteht seine Leistung darin, aktuelle Dance-Moden für einen ungebrochenen Protest-Sound zu nutzen, der auf einem linksradikalen Weltbild beruht und alle Effekte ins Irrsinnig-Expressive steigert. Bereits Ende der Siebziger hat er mit The Pop Group aus Bristol eine Musik geschaffen, die ihn heute als Pate von Bands wie LCD Soundsystem oder Asian Dub Foundation dastehen lässt. Nach Auflösung der Band geriet Stewart unter den Einfluss des Dub-Reggae-Produzenten Adrian Sherwood, 1985 nahm er das erschütternde Industrial-Dub- Meisterwerk „As The Veneer Of Democracy Starts To Fade“ auf, ehe die Band auseinanderfiel. Nach zwölf Jahren hat der große Zertrümmerer des Pop ein neues Album veröffentlicht und seine alte „Mafia“ reaktiviert: Skip McDonald an der Gitarre und Keyboards, Hendrixverehrer Doug Wimbish am Knallbass und den grandiosen Drummer Keith LeBlanc.

Es ist bereits viertel vor eins, als die Musiker im Maria auf die Bühne steigen, um in die zerklüftete Unterwelt der Avant- Disco einzutauchen, abgemischt von Adrian Sherwood, der den Gesamtsound mit Hall-Effekten an seine Ränder drückt, während Stewart seine Politparolen ins Mikro heult. Von Rock-Lärm und Dub-Effekten umkränzt, steht dabei die höchstentwickelte Kunst der Improvisation im Mittelpunkt, bei gleichzeitiger Fähigkeit zum schnellen Rückgriff auf den Funk-Reggae-Disco-Groove. Ein rührender Irrsinn mit Beats wie Trümmerbeton. Da haben wir ihn wieder: Mark Stewart, den am härtesten arbeitenden Musiker im Agitprop. Ein liebenswerter Autokrat, der es nie nötig hatte, einen Gedanken an sein Publikum zu verschwenden. Volker Lüke

KLASSIK

Canal

Piccolo

Die Orangerie im Park Sanssouci bietet eine wunderbare Kulisse für Musik, die um Venedig kreist. Das von italienischen Renaissance-Villen beeinflusste Bauwerk, der bröckelnde Putz und die Wasserspiele formen jenen magischen Hintergrund, vor dem das Leben zu einem heiter-melancholischen Theaterstück gerinnt. Diesen Effekt liebte Wagner an Venedig. Erstmals kam er mit dem halbfertigen „Tristan“ in die Lagunenstadt, auf der Flucht vor Skandal und zerbrochenem Liebesglück. Später wird der Komponist am Canal Grande seinen letzten Atemzug tun. Folgerichtig präsentieren die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci im Rahmen ihres Venedig-Schwerpunkts ein Konzert, das Wagner von seinem Festspielhügel holt und an den Markusplatz setzt. Dort weht seine mythische Musik zwischen den Caféhäusern und Tauben. Uri Caine, der Jazzmusiker mit einer unbändigen Liebe für klassisches Tonmaterial, hat dazu wundersame Arrangements geschrieben. Tannhäuser-Ouvertüre mit maritimem Akkordeon, Walkürenritt für zwei irrwitzige Geigen und zum Liebestod einen kühlen Aperol-Spritz. Dramen in Salongröße, gelassene Schwermut, blaue Stunde. Wenn dieses Potential nicht komplett geborgen wurde, lag es wohl daran, dass Uri Caines Ensemble etwas unterprobt klang. Auch konnte der Klang im seidenbespannten Raffaelsaal nicht genügend flanieren, und Getränke waren hier, anders als auf der piazza, natürlich tabu. Caine muss das gespürt haben. Als Zugabe donnerte er ein vor Energie berstendes Destillat von Mozarts Klaviersonate KV 545 in die Tasten. Danach hätte man jede Gondel mit ihm bestiegen. Ulrich Amling

LANDSCHAFTSARCHITEKTUR

Grüne Haube

statt Gartenlaube

Die Berlin-Brandenburger Landschaftsarchitektenszene entfaltet ihre Wirkung längst über die Region hinaus. Einen Überblick bietet jetzt die Ausstellung Frischgrün des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten Berlin-Brandenburg (Ehemaliges Ungarisches Kulturinstitut, Karl-Liebknechtstr. 9, bis 19. Juni). Vorgestellt werden 21 Büros, die für die Vielfalt der Ansätze und Aufgaben im Umgang mit der Landschaft stehen. So hat das Büro bbz die Gestaltung des üppig wuchernden Dachgartens der Sammlung Boros realisiert, der dem ehemaligen Bunker in der Reinhardtstraße eine grüne Haube aufsetzt. Bernard und Sattler stellen ihre Außenanlagen für das wundervolle Kloster Eberbach in Hessen vor, wo sie den malerischen Prälatengarten revitalisiert haben. Statt lieblich blühend präsentiert sich das Projekt von 100Landschaftsarchitektur für die Lutherstadt Eisleben als ambitioniertes „grünes“ Kunstkonzept: Es sieht vor, Lichtkästen mit hinterleuchteten Fotografien von grünen Wiesenkräutern der Region anzubringen. In Raum und Zeit bewegen sich dagegen Levin Monsigny Landschaftsarchitekten. So haben sie im chinesischen Hangzhou einen stimmungsvolle Gartenlandschaft für das Lianghzu Culture Museum entworfen, während sie im Erholungspark Marzahn mit dem jüngst eröffneten Renaissance-Garten den Besuchern eine grüne Zeitreise bieten. Jürgen Tietz

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