Kultur : KURZ & KRITISCH

Eva Kalwa

THEATER

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Abheben

Bernhard ist ein Luftikus und der Erfinder der „polygamen Monogamie mit Warmhaltefunktion“. So nennt ihn seine knapp vor der tantrischen Erleuchtung stehende Mutter (Gaby Gasser), die ihr veganes Frühstück am liebsten aus der Klangschale löffelt. Damit sich seine Damen nicht in die Quere kommen, wählt Bernhard (Moritz Lindbergh) nur Stewardessen internationaler Fluggesellschaften und koordiniert die Treffen in seinem schicken Frankfurter Appartement nach einem ausgeklügelten Zeitplan. Als „die Continental“ (Nicola Ransom), wegen eines gestrichenen Fluges länger bleibt als geplant, wird es kompliziert. Denn neben Bernhards altem Freund Robert (Wolfgang Wagner) stehen bald auch „die Austrian“ (Adisat Semenitsch) und „die Alitalia“ (Mackie Heilmann) auf der Matte.

„Boeing Boeing“ ist eine waschechte Boulevardkomödie mit Tempo, Witz und jeder Menge Frivolitäten. Glücklicherweise hat Regisseur Marcus Ganser in der Komödie am Kurfürstendamm (Kurfürstendamm 206–209, bis 27. Juli) Michael Kesslers Bearbeitung des über 40 Jahre alten französischen Boulevardklassikers von Marc Camoletti gewählt. Der Schauspieler und Autor Kessler („Switch reloaded“) befreit das Stück von dem Staub, der sich in der Zwischenzeit bei allem aufgeklärten Bemühen der Vorlage auf das gelegt hat, was Männer dürfen und Frauen wollen. Spießiges wird vermieden, Schlüpfriges ironisiert, Geschlechterrollen aufgebrochen. Selten ist eine Boulevardkomödie, meist eher luftdichte Konserve für Altbackenes, so frisch und modern auf die Bühne gebracht worden. Dafür sorgen auch das perfekte Timing durch die Regie und die wunderbaren Darsteller. Wie das Ganze ausgeht, sei nicht verraten. Nur so viel: Geheiratet wird erst mal nicht.Eva Kalwa

LIEDERABEND

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Knutschen

Er ist klein und trübsinnig, sie groß und frohgemut. Er heißt Joachim, säuft Kölnisch Wasser, hat Angst vor Kussbazillen. Sie heißt Lorelei, trägt bunte Kleider und tiriliert; er singt quäkig. Zwei Comicfiguren, ihre Klamotte handelt von der Flucht ins Glück. Die Dialoge kalauern etwas mühsam, scheinen aber nicht so wichtig. Stars dieser Manege sind die (gelungenen) Songs. Katharina Thalbach als Kümmerling im grauen Anzug und Andreja Schneider als Muse von der Lebenslust begegnen witzigen, rührenden Liedern. Zwei auf einer Bank heißt, begleitet vom zarten Christoph-Israel-Sextett samt Harfinistin, ihre Soiree unterm Lampion-Busch in der Bar jeder Vernunft (Schaperstr. 24, bis 13. Juli).

Wer Lieder liebt, lasse sich hier nieder. Wenn Lorelei als laszive Blues-Röhre mit „I kann net bügeln“ die Knutsch-Expertin gibt, wenn sie Alexandras „Illusionen“ mit wehenden Tüchern im Sommerwind vorführt, wird Romantik vom Podest auf den Stöckelschuh gestellt. Joachim, frei nach Lindenberg, besingt das Mädchen mit der Tuba: Die Angebetete umkreist ihn samt goldenem Blasinstrument auf der Drehbühne. Wenn das Paar den Verführungsschlager „Baby, es regnet doch“ hinturtelt, flirren Emotionen. Das Volkslied „Stumpfsinn“ feiert komödiantische Absurditäten, ein zeitloses „Ade zur guten Nacht“ die Poesie der Einfachheit. Der sympathische, gelassen altmodische Showreigen attackiert weniger das Herz als unser Zwerchfell. Verpasste Momente? Geschenkt. Mann und Frau passen nicht zueinander; aber Singen geht, irgendwie. Thomas Lackmann

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