Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

ROCK

Schwimmen, schlabbern,

schlottern

Es ist heiß in der Columbiahalle. Brechend voll. Ausverkauft. Ausschließlich junge Leute. Tosen im Saal. Auf der Bühne flackert ein hektischer Neonschriftzug in Blau: The Kooks. Vom Band tönt „Rumble“, Link Wrays wüstes Gitarreninstrumental von 1958 zum Aufmarsch der jungen Band aus Brighton, die sich nach einem David-Bowie-Song benannt hat und ihr rasantes neues Album „Konk“, nach dem Studio von Ray Davies. Womit die Tradition klar ist, aus der die Kooks ihre Einflüsse beziehen.

Ein heftiges Gitarrenriff von Hugh Harris auf der Les Paul wird umrumpelt von Bass und Schlagzeug: „Always where I need to be“ – die Fans rasten völlig aus: Schreien, Klatschen, Tanzen, Rangeln. Alles muss raus: der ganze Ärger der letzten Tage. Über die Schule, Abitur, Klausuren? Vielleicht auch über die drohende, zu wiederholende Matheprüfung? Da muss die Musik natürlich höllenlaut sein, mit schönen Melodien, hymnischen Refrains und gewaltiger Energie. Als Soundtrack zum kollektiven Veitstanz eignen sich die knalligen Songs wie „Matchbox“, „Eddie’s Gun“, „Ooh La“, „Naive“ bestens, eine bunte Auswahl aus den beiden formidablen Alben der Kooks. Wer sich allerdings nicht mitreißen lässt von der Partystimmung, wird enttäuscht, weil die von den exzellenten Studioaufnahmen gesetzten Erwartungen im Konzert nicht erfüllt werden. Können sich die Musiker auf der Bühne nicht richtig hören? So sehr auseinander sind sie oft im Timing, so unpräzise sind ihre Einsätze. Es swingt nicht. Die Rhythmusgruppe poltert hölzern vor, hinter, neben sich und dem Beat. Nichts kommt auf den Punkt, alles schwimmt, schlabbert, schlottert. Die Gitarrensoli wirken kläglich. Und Luke Pritchard hat live nicht annähernd den Ausdruck in der Stimme wie auf den Alben. Am besten ist er, wenn er ohne Band nur mit Akustikgitarre „Seaside“ und „Jackie Big Tits“ singt. Danach lassen sie es nochmal gemeinsam krachen. Und die Fans sind abgekämpft und begeistert nach 80 Minuten. H. P. Daniels

THEATER

Von Bienen lernen,

heißt lieben lernen

„Gefällt Ihnen hier?“ Wer als Migrant auf diese verkürzte Frage eines Deutschen mit „Ja, es gefallt mir hier“ antwortet, hat schon verloren. Ist die Fähigkeit zum Umlautsprechen von den vielen Indikatoren für eine gelungene Integration doch das Tüpfelchen auf dem I. Das behauptet die junge Tschechin, die in strengem Kleid und schwarzen Stiefeln auf dem Ausländeramt erschienen ist. „Kanak-Büro“ nennt der sportliche Türke mit den großen Sprüchen die Behörde. Erst mal muss aber auch er dort eine Nummer ziehen, genauso wie der schwarze Afrikaner, der gern unsichtbar wäre, und auch der komische Kauz Alois, dessen Lieblingsfarbe die Zahl 13 ist.

Mit diesen vieren teilen sich die Zuschauer im Saalbau Neukölln die Plätze im Wartebereich. Die Botschaft: Wir sitzen alle auf einer Bank. Von solchen gut gemeinten Hinweisen ist die Uraufführung des deutsch-tschechischen Theaterstückes Geschlechtsleben der Migranten (wieder heute, 20 Uhr, weitere Termine bis 6. 7.) von Jaromír Konecný und Andrej Kritenko in der Regie von Peter Wittig leider allzu voll. Bunte Bäuche zeigen, wie schön jede Hautfarbe sein kann. Ausschnitte aus dem Film „Gesetzmäßigkeiten des Bienenlebens“ demonstrieren, was wir von Insekten in Sachen Völkerverständigung lernen können. Und dass Menschen keine Nummern sind, ist richtig, aber auch nicht ganz neu.

Bis die Sachbearbeiterin sich der Anträge um einen deutschen Pass annimmt, berichten die Heimatsuchenden einander von ihren Erlebnissen in Deutschland. Es ist das lobenswerte Anliegen der Autoren, mit Vorurteilen aufzuräumen, den Menschen hinter dem Wort – und Stigma– „Migrant“ zu zeigen. Leider bleibt das Stück bei „den Deutschen“ aber meist in der Klischeekiste stecken: So muss die einsame deutsche Sachbearbeiterin erst von dem Schwarzen zum Lachen und zur Liebe erweckt werden. Und nur wo Goethe draufsteht, ist am Ende Deutsch drin.Eva Kalwa

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