Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Chromatisch

in den Abgrund

Ein Europa-Konzert, eines Viertelfinales würdig – nur die Länder sind andere: Das Match im Konzerthaus bestreiten Frankreich und Spanien. Mit gepflegtem Mezzo singt Lioba Braun die „Sieben spanischen Volkslieder“ von de Falla in Berios farbenreicher, manchmal die Singstimme sehr zurückdrängender Orchesterfassung. Aus der Ballettsuite „El amor brujo“ weiß Lothar Zagrosek mit dem Konzerthausorchester Funken zu schlagen: Dissonanzgeschärfte Expressivität erinnert daran, dass de Falla der „spanische Bartók“ genannt wurde. Dass er sein Handwerk bei dem französischen Spektralisten Gérard Grisey erlernte, zeigt der Italiener Aureliano Cattaneo in seinem Violinkonzert. Ein vornehmlich metallisch bestücktes Schlagwerk färbt die melodischen Anläufe der souveränen Solistin Viviane Hagner immer wieder um. Nur selten darf ihr Stradivari-Ton so berückend aufblühen wie mit Streichertrillern, Vibrafon und Flöte, bevor alles chromatisch in den Abgrund gleitet. Ansonsten wirkt das Auftragswerk planlos in sein klangliches Überangebot verstrickt. Berlioz’ Orchesterstücke aus „Roméo et Juliette“ schließlich lassen in ihrer angespannten Striktheit Erinnerungen an das Spiel der Deutschen vor dem erlösenden Viertelfinale aufkommen. Isabel Herzfeld

ELEKTRO

Frickeln

bis zum Abwinken

„Don’t hold back“ – Halt dich nicht zurück! Schon mit ihrem ersten Song zeigen die Chemical Brothers, wo es an diesem Abend in der Zitadelle Spandau musikalisch und stimmungsmäßig langgehen soll. Da der anfängliche Regenschauer nur kurz ist und die meisten wegen des Spielstands in Basel sowieso in Feierlaune sind, lassen sich die Fans des englischen Elektronik-Duos das nicht zweimal sagen. Dessen große Hits folgen schneller aufeinander als die deutschen Tore: Den orientalischen Streicher des bereits zum Klassiker avancierten „Don’t hold back“ alias „Galvazine“ von 2005 mit seinen fröhlichen Funk-Intermezzi schließen sich der hypnotische Kracher „Do it again“ vom neuen, mit einem Grammy prämierten Album und ihr „Big beat“-Hit „Hey boy hey girl“ an. Dazu gibt es eine Retro-Lasershow wie in den Neunzigern und farbenprächtige Videos mit Dschungeltieren, Unterwasserballett und einem fiesen dämonischen Clown. Tom Rowlands frickelt meist dabei ohne aufzublicken an seinem Elektro-Park, während der 37-jährige Ed Simons sich mit ungewohntem Bart öfter in einer Art pubertierender Predigerpose gefällt. Bis auf diese kleinen optischen Peinlichkeiten aber stimmt die Chemie die ganzen neunzig Minuten. Als Zugabe kommt „Block Rockin’ Beats“, ein Lied wie eine Hüpfburg: bunt und laut und einfach zum Abheben.Eva Kalwa

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