Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Lieder

der Liebe

Kaum ist das Licht angegangen im Konzerthaus, da trifft das ganz Alte auf das ganz Neue: Zwei Hip-Hopper nehmen die archaischen Klänge von Carl Orffs „Catulli Carmina“ auf und übertragen ihre Strukturen in Tanz. Die beiden so verschiedenen Ausdrucksformen passen erstaunlich gut zusammen, so wie sich viel Disparates an diesem Abend zum Ganzen formt. Die Singakademie unter Achim Zimmermann erarbeitet sich neben den traditionellen Schwerpunkten Bach, Händel und Mendelssohn immer auch Chorwerke des 20. Jahrhunderts. Carl Orff schrieb die „Gesänge des Catull“ nach Versen des römischen Dichters 1930, einige Jahre vor den „Carmina Burana“, seinem einzigen Werk, das heute noch einem größeren Publikum bekannt ist. Vibrierend vor Leben, auch und gerade dort, wo es leise werden muss, dabei immer trennscharf und durchdrungen von dramatischem Geist singt der Chor Orffs kraftvolle Musik. Wie Sonnenstrahlen lösen sich die Frauenstimmen heraus. Begleitet werden sie von vier Solostimmen, einem Schlagzeugensemble und gleich vier Klavieren.

Nach der Pause, zu Igor Strawinskys „Les Noces“, sind sie wie zur Leistungsschau nebeneinander aufgereiht. Die Vertonung russischer Bauernhochzeiten, von der sich auch Carl Orff hat inspirieren lassen, besitzt zwar spröde Schönheit, wirkt aber in ihrer Abstraktion und ihren überindividuellen Ritualen ermüdend. Auch die Sänger scheinen an Kraft verloren zu haben, die bestechende Klarheit der ersten Hälfte verschwimmt im Klangmeer. Aber wie die Glockenschläge der Klaviere am Ende ins Nichts verdämmern, das ist unbedingt hörenswert. Udo Badelt

 

KUNST

Lange Nase,

kleiner Hut

Unzählige Tauben hat er gemalt und nie verstanden, warum sie den Frieden symbolisieren sollen. „Sie sind zänkisch und kriegerisch“, soll Pablo Picasso gesagt haben. Dennoch ziert sein Plakat für den zweiten Weltfriedenskongress 1950 in London eine Friedenstaube – für die gute Sache. „Europe“, der Name der surrealistischen Zeitschrift besteht im Jahr 1949 sogar ganz aus weißen Tauben: Oft nutzt Picasso die Dynamik der Schrift als ein zentrales Gestaltungselement. Davon zeugen zahlreiche der rund 400 Gebrauchsgrafiken des Künstlers, welche die Kunstbibliothek Berlin jetzt für ihre Sammlung Grafikdesign erworben hat.

Zusammengetragen hat die sogenannte „Tageskunst“ aus acht Jahrzehnten der Schweizer Sammler und frühere Schriftsetzer Bruno Margadant. Politisch interessiert, sammelte er zunächst unter anderem Plakate und Zeitschriftentitel, die Picassos Engagement für die Friedensbewegung, die Réstistance und die Kommunistische Partei Frankreichs zeigen. Unterstützt von einem regen Netzwerk befreundeter Antiquariate erweiterte Margadant seine Suche bald auch auf Künstlerbücher und Buchumschläge, Titelblätter für Programme und Notenblätter, Kalender und Postkarten. Viele Arbeiten wie die Zeichnung auf dem Notenheft zu Igor Strawinsky „Ragtime“ von 1922 wirken frisch und verspielt: Der Banjospieler mit der langen Nase und der Violinspieler mit dem zu kleinen Hut scheinen mit nur einem Strich gezeichnet. Eine Einzelausstellung ist vorerst nicht geplant, ab Juli stehen die erworbenen Exponate zur Ansicht im Studiensaal der Bibliothek zur Verfügung. Eva Kalwa

 

KLASSIK

Quereinstieg

mit Leidenschaft

Das Wichtigste zuerst: Mit ihrem Benefizkonzert erspielten die BerlinClassicPlayers satte 1000 Euro für die Kinderhilfe der Björn-Schulz-Stiftung, welche sich für krebs- und leukämiekranke Kinder einsetzt – was natürlich niemanden daran hindern soll, etwas dazulegen, der wegen des dräuenden Gewitters am Sonntag nicht den Weg in den Kammermusiksaal fand. Mit der guten Tat stellen sich die BerlinClassicPlayers auch als neue Stimme im Konzert der zahlreichen Berliner Kammerorchester vor.

Dass es dem 1975 geborenen Trompeter Ulrich Riehl gelungen ist, ein sichtbar engagiertes Ensemble aus erfreulich qualifizierten jungen Musikern und einigen wenigen Kollegen des Orchesters der Deutschen Oper geformt zu haben, ist eine anerkennenswerte Leistung. Doch auf dem Podium merkt man dem Quereinsteiger die mangelnde Dirigiererfahrung an: Die Tempi seines reinen Mozartprogramms sind nicht präzise genug und überhaupt scheint zwischen seinen fließend ausdrucksvollen Körperbewegungen und den zu steifen Handgelenken noch ein Knoten zu sitzen, der zum Platzen gebracht werden will. Susanne Barnkoth, die bisher vor allem als Korrepetitorin hervortrat, ist als deutlich und durchdacht gestaltende Solistin im Klavierkonzert KV 488 da schon mehr mit sich im Reinen. Für den Traum, eine beachtliche Solistenkarriere mit der Tätigkeit an einem Opernhaus zu verbinden, steht als leuchtendes Vorbild Elisabeth Glass: Die Violinvirtuosin und stellvertretende Konzertmeisterin der Deutschen Oper verleiht dem Abend in Mozarts Konzert KV 216 Glanz und bringt die ganze Innigkeit zum Ausdruck, welche die gute Sache verdient. Carsten Niemann

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