Kultur : KURZ & KRITISCH

Philipp Lichterbeck

VIDEO

Auf dem

Teppich bleiben

Sie arbeiten für 6,02 Euro die Stunde. Oder umsonst, das nennt sich „Volunteer“. Sie betreuen Kinos, stehen am roten Teppich oder verkaufen Accessoires. Sie alle helfen, dass die Berlinale funktioniert. „Aber das große Geld kommt immer am falschen Ende an“, sagt der Aufpasser vor dem Kinopalast, der „Glamour“ mit „mies bezahlte Arbeit“ übersetzt. So wie in der Kurzreportage „Prekarinale“ haben wir die Berlinale noch nicht gesehen. Der Beitrag gehört zur neuesten Ausgabe des Tiefsehmagazins von AK Kraak. Seit 1990 bastelt das Berliner Videoaktivistenkollektiv diese einstündigen Collagen zusammen, die eine Art Reportagemagazin von unten sind . Nun wird Nummer 25 gefeiert (Lichtblick, Kastanienallee 77, wieder heute sowie am 26.6., 29.6, 2.7.). Darin geht es um Geschichten aus dem Widerstand: etwa den Arbeitskampf in einer Thüringer Fahrradfabrik, den Verkauf von Palermos Altstadt an multinationale Konzerne oder den ungeklärten Tod des Afrikaners Oury Jallouh in einem Dessauer Gefängnis 2005. Die Beiträge widersprechen den TV-Sehgewohnheiten, sind sperrig, gewollt dilettantisch – und haften länger. AK („Aktuelle Kamera“) Kraak (niederländisch für Krake) versteht sich als Teil des „weltweiten Aufbruchs zu medialer Selbstbestimmung“. Zwischen den Geschichten laufen grelle Werbeclips - etwa für ein Diaphragma, das nur deutschen Samen durchlässt. Krachendes Lachen im Saal. Philipp Lichterbeck

ARCHITEKTUR

Auf die

Leiter steigen

Architektur entsteht im Kopf – aber mit allen Sinnen. Und sie darf Spaß machen! Diesem Grundsatz folgt das junge tschechische Architekturbüro Atelier 69 bei der Präsentation seiner Projekte in der Galerie Aedes am Pfefferberg (Christinenstraße 18-19, bis 29. Juni, Katalog 10 €). Denn um in die Welt von A 69 einzudringen, müssen die Ausstellungsbesucher erst einmal eine der bereitstehenden Leitern hochklettern – um dann ihren Kopf durch eine schmale Öffnung in die Architekturmodelle zu zwängen. Erst dann entfaltet sich vor ihren Augen die spielerische Architekturwelt von A 69. Ob Wohnzimmer oder Gartenblick: Die bühnenbildartigen Miniaturen erweisen sich als wirkungsvolle Stimmungsbilder. Etwa beim Blick aus einem verglasten Apartment auf einen Prager Park, der mit den Geräuschen der abendlichen Metropole hinterlegt ist. Und selbst die obligatorische Würdigung der Sponsoren wird durch die Darstellung einer wuseligen Baustelle zum Spaßfaktor. So setzt die ungewohnte Präsentation anstelle der gewohnten Ernsthaftigkeit auf eine spielerische Note, die für gute Laune sorgt. Und so kurzweilig wie die Ausstellungsgestaltung wirken auch die ambitionierten Häuser der hierzulande noch unbekannten Architekten. Der Blick in den Katalog jedenfalls macht schnell deutlich, dass auch ihre ausgeführten Projekte aus Glas und Sichtbeton eine unkonventionelle Frische auszeichnet, die alle Sinne anspricht. Jürgen Tietz

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