Kultur : KURZ & KRITISCH

Eva Kalwa

CHANSON

Heute Nacht

oder nie
!

Dramatisch flattern die Schwalbenschwänze seines Fracks im Wind, im Scheinwerferlicht wirkt der dichte Regen wie mit der Maschine gemacht. Eilig kramen die Zuschauer in der gut besuchten Waldbühne Schirme und Regencapes hervor. „Unter einem Regenschirm am Abend“ heißt das passende Lied dazu. Nur einer steht wie ein Fels in der Brandung, während die Musiker des Palast Orchesters sitzen: Max Raabe zeigt auch in stürmischen Zeiten, was es heißt, Contenance zu bewahren. Mit „Duerme“ vom kubanischen Mambokönig Pérez Prado trotzt Raabe mit samtweicher Stimme und der kongenialen Unterstützung von Geige, Klarinette, Gitarre und Kontrabass allen meteorologischen Widrigkeiten. Er gleicht einem menschlichen Uhrwerk, das auf die Minute pünktlich um 20 Uhr mit seiner Show „Heute Nacht oder nie“ begonnen hat und nun in den gefühl- und humorvollen Songs der zwanziger und dreißiger Jahre sein Herz offenlegt.

Das Palast-Orchester spielt wie gewohnt mit großer Lust und sicherer Hand. Seine Tanzorchester-Interpretation von „Singing in the rain“ ist, noch bevor nach der Pause der Regen kommt, ein swingender Triumph der Leichtigkeit. Beim Tangoklassiker „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ wirkt das Zwiegespräch zwischen Sänger und Klavier so frisch und rein wie beim ersten Rendezvous. Ob Raabes hochgezogene Augenbraue und das Zermalmen der Wörter in der rechten Wange immer noch originelle Masche oder schon längst fade Selbst-Karikatur sind, wer fragt heute Nacht danach? Eva Kalwa

 

KLASSIK

Galant

gegeißelt

So katholisch erlebt man Johann Sebastian Bach selten – und seinen Zeitgenossen Giovanni Battista Pergolesi kaum je so protestantisch. Denn es ist schwer, die wenig bekannte Bearbeitung, die der Thomaskantor von Pergolesis berühmten „Stabat Mater“ anfertigte, nicht als bloßes Kuriosum erscheinen zu lassen. Zwar hielt sich Bach bei den musikalischen Retuschen zurück; er bereicherte die Textur nur moderat und mit Sinn für den empfindsamen Ausdruck des Werks. Die melancholisch schwingenden lateinischen Verse des Originals ersetzte er jedoch durch die zentnerschweren Bußworte des 51. Psalmes. Die sinnlich weich und doch klar wie eine Barocktrompete timbrierte Sopranistin Maria Espada und ihre in der Tiefe männlich-dunkel intonierende Alt-Kollegin Rosa Domínguez müssen sich darum fast pausenlos ob ihrer Sünden, Missetat und Blutschuld geißeln. Doch Klarheit und Reinheit ihres Vortrags sowie Intensität und Genauigkeit, mit der sie sich auf einander einschwingen, transzendieren den Text aufs Schönste.

Auch das begleitende Ensemble Oriol und der Dirigent Andrea Marcon sind im Kammermusiksaal mit Erfolg um eine Synthese der Gegensätze bemüht. Die beseelte Gelassenheit und differenzierte Gründlichkeit, mit der sie selbst scheinbar simplen galanten Melodiefloskeln singend nachspüren, tut auch einer Bachschen Solokantate oder einem Händelschen Concerto grosso gut. Dem Ziel, seinen unverwechselbaren Klang auch auf das Spiel mit historischen Instrumenten zu übertragen, ist das Ensemble mit diesem Experiment einen großen Schritt näher gekommen. Carsten Niemann.

 

KUNST

Akt

im Treppenhaus

Alle reden von der temporären Kunsthalle, die auf dem Schlossplatz errichtet werden soll. Und manche erinnern sich an die Staatliche Kunsthalle in der Budapester Straße, 1976 eröffnet und 1993 abgewickelt. Ihr umstrittener Direktor hieß Dieter Ruckhaberle. Anlässlich seines 70. Geburtstags am 20. Juli widmet die Rathaus-Galerie Reinickendorf dem Umtriebigen eine Ausstellung. Sie zeigt die schöngeistige Seite des einstigen Multifunktionärs (FDP, Berliner Kulturrat, IG Medien) mit knapp 30 Gemälden und zwei Lithographie-Serien (Eichborndamm 215-239, bis 31.7., Mo–Fr 9–18 Uhr).

Die Bilder stammen aus den Jahren 1960 bis 2008. Ein ausgeprägtes Eigenprofil tritt nicht zutage, aber Ruckhaberles Kunst zeigt Qualitäten. Aus seinen Ausbildungsjahren an der Stuttgarter Kunstakademie stammt das „Portrait R.F.“ (1960), ein souverän komponiertes, mit nervöser Pinselschrift gemaltes Bildnis eines stämmigen Mannes. Auf einem Gemälde von 1962 – nach dem Wechsel in die Klasse von Max Kaus an der Berliner HdK entstanden – flankiert ein weiblicher Rückenakt ein Stillleben mit Tier-, Menschenschädeln und Früchten im Stil Paul Cézannes. Jüngere Arbeiten pendeln zwischen lyrischer Abstraktion und Illustrationen mythologischer Szenen, so ein auf fünf Großformaten verteilter „Betlehemitischer Kindermord“ von 1972. Am anderen Ende der Skala überrascht eine freie „Farbkomposition“ (2000) mit festlicher Farbigkeit. Doch die insgesamt problematische Präsentation haben Ruckhaberles Arbeiten nicht verdient. Ein dreistöckiges Treppenhaus taugt nicht als Kunsthalle. Jens Hinrichsen

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