Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Geteilte Arbeit ist

doppelte Freude

Was wären die Raconteurs ohne Jack White? Oder vielmehr ohne die Popularität ihres prominentesten Mitglieds, das mit den White Stripes ein zwischen Indie-Authentizität und Mainstream-Einverleibung schlingerndes Konzept-Duo betreibt? Vielleicht müssten die Raconteurs dann vor 150 Leuten spielen, aber die wären sicher ebenso begeistert wie die ungefähr zehnmal größere Zuschauermenge im Huxleys Neue Welt. Bei den Raconteurs teilt sich Jack White die Frontmann-Rolle mit Brendan Benson. White wirkt wie befreit von der Bürde, den Beinahe-Alleinunterhalter zu spielen. Anders als bei den White Stripes, wo er die technische Limitiertheit seiner trommelnden Partnerin Meg White ausgleichen muss, braucht er hier nicht cool und dominant zu sein: Vor Vergnügen schmunzelnd wirft er sich in klassische Gitarrenhelden-Posen, spielt kreischende Bluesrock-Soli und tauscht mit Benson knappe Call-and-Response-Licks. Die beiden ergänzen sich großartig als antipodische Rock-Archetypen: Während der gut im Futter stehende White den ehrlichen Bluesarbeiter und neckischen Gutelaunebär gibt, wirkt Brendan Benson mit hageren Gesichtszügen und blonden Locken wie ein verlebter Seventies-Rockstar nach dem dritten Drogenentzug. Gesanglich kultiviert Benson einen melodiösen Stil, der sich an britischen Sixties-Bluesrock-Aristokraten wie Cream-Sänger Jack Bruce orientiert. Dagegen empfiehlt sich Jack White für den Robert-Plant-Gedächtnispreis, wenn sich sein schrilles Organ mit spitzen Widerhaken ins Fleisch der Songs bohrt. Die werden gegenüber den Studioaufnahmen durch instrumentale Exzesse zerdehnt und in drückenden Wucht nochmals komprimiert. So wird „Blue Veins“ zur zehnminütigen fiebrigen Swamprock-Messe, bei „You Don’t Understand Me“ hämmert White ein furioses Stakkato ins E-Piano und übernimmt beim „Rich Kid Blues“ mit der Akustischen die Melodieführung. Zu ihrem Powerpop-Hit „Steady, As She Goes“ gerät der Saalboden durch die hüpfenden Massen in bedenkliche Schwingungen. Nach anderthalb triumphalen Stunden muss man die eingangs gestellte Frage wohl umformulieren: Was wäre Jack White ohne die Raconteurs? Jörg Wunder

ROCK

Lass uns ein Lagerfeuer

entfachen

Wenn nicht alles täuscht, erleben wir gerade ein echtes Vollbart-Revival. Der wildeste Struppelfeger ist dabei noch immer Will Oldham aus Kentucky, der einst mit den Palace Brothers eine Folk-Welle ausgelöst hat, die ihre Breitenwirkung erst heute so richtig entfaltet. Seit 1998 hat er unter dem Pseudonym Bonnie „Prince“ Billy sieben düstere Platten veröffentlicht, von denen man mindestens fünf haben muss. Sein neues Album „Lie Down In The Light“ klingt da fast schon heiter. Auch beim Konzert im Schillertheater zeigt sich Will Oldham in bester Laune, als begnadeter Entertainer. Milde und souverän schlägt er das Publikum in seinen sanften Bann, während die vierköpfige Band flackert wie ein Lagerfeuer bei böigem Wind. Wie zarte Rauchfäden schwirren die Töne in den Saal. Sehr schöne Violine und weiblicher Gesang, Leadgitarre, Kontrabass und ein aufmerksam die Details betonender Perkussionist, der dem Ganzen eine orientalische Note verleiht. Genussvoll treiben sie durch schattenhaft strukturierte Erkenntnis-Balladen, Hillbilly-Folk und Country-Gospel. Melodien, die sich wohlig ins Ohr kuscheln. Dabei klingt Oldham immer noch befremdet, irritiert, immer an der Kippe zum Wahnsinnigwerden oder Zerbrechen. Man muss einfach hören, wie er seine anrührende Heulstimme furchtlos ausreizt. Will Oldham ist so einzigartig wie die Welt, die er besingt. Man möchte ein Lagerfeuer entfachen. Und sich einen Bart wachsen lassen. Volker Lüke

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