Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Ein neuer

Morgen

Es ist mutig von der Sing-Akademie zu Berlin, sich nach Jahren lähmender interner Querelen an ein Festkonzert zu Ehren John Miltons zu wagen. Denn so legendär der Dichter des Epos „Paradise Lost“ auch sein mag: Die pathosgeschwängerten Verse sind keine leichte Kost. Doch während Milton auf dem Papier Langeweile zu produzieren vermag, verwandeln sich seine Verse bei inspirierter Deklamation überraschend in Musik. Jedes Wort mit Präzision verkostend, hält Rezitator Will Tosh den Abend in der Gethsemanekirche auf hohem Kothurn und sorgt im Wechsel mit dem Chor für Aha-Effekte: Plötzlich begreift man, welches Ideal Zeitgenossen hinter der blassen Milton-Nachdichtung von Haydns „Schöpfung“ durchscheinen sahen. Zugleich fördert der radikal verjüngte Chor zwei unbekannte Meisterwerke zutage: „Miltons Morgengesang“ des Frühromantikers Johann Friedrich Reichardt sowie eine an Lortzing und Weber gemahnende Szene aus „Das verlorene Paradies“ des Oratorienkomponisten Friedrich Schneider. Sicher beruht der Erfolg des Abends auf der Leistung der überragenden Solisten (darunter Yeree Suh und Jan Kobow), während es dem Chor im Piano an Ensemblekultur und in den Fugen bisweilen an Eleganz mangelt. Doch eine Vision für Profil und Programm des Traditionschors ist formuliert. Carsten Niemann

KLASSIK

Stern

hinter Wolken

Es regnet in Strömen, doch die Zuschauer von Viva l’opera beim Classic Open Air-Konzert auf dem Gendarmenmarkt scheint das kaum zu stören. Zwar sind nach der Pause am Samstagabend einige leere Sitzgruppen-Inseln im Meer der 1-Euro-Regencapes des Sponsors erkennbar, doch größtenteils wird ausgeharrt. Und weil zur Belohnung kein azurblauer Himmel und keine blitzenden Sterne herhalten können, ist alle Aufmerksamkeit auf das musikalische Geschehen konzentriert.

Auf der Bühne lässt man sich vom Wetter durchaus beeindrucken. Die Berliner Symphoniker unter Oliver Tardy liefern Gounods „Faust“-Walzer und die Ouvertüre zu Verdis „Forza del destino“ mit Präzision ab, doch die Capella Mallorquina lässt sich vom so gar nicht mediterranen Ambiente zu sehr ins Bockshorn jagen. Zu zaghaft und unentschieden klingt der Chor bei der Verherrlichung des „Carmen“-Toreros und beim Freiheitschor aus Verdis „Nabucco“. Besser die Solisten: Zwar führt Roberto Alagna in einer Arie aus einer Oper seines Bruders David vornehmlich tenorale Standardsituationen aus, lässt sich aber am Ende von den tief hängenden Wolken zu einem verschatteten „E lucevan le stelle“ inspirieren. Auf ganzer Linie beeindruckt die Berliner Sopranistin Barbara Krieger, die in den französischen Nummern von Bizet und Delibes dunkle und weiche Farben findet und in „Madame Butterfly“ ihre Strahlkraft unter Beweis stellt. Nur die Zugaben haben keine Chance gegen das Feuerwerk zur Eröffnung der amerikanischen Botschaft. Matthias Nöther

ROCK

Lauter

geht’s nicht

„We are Motörhead and we play Rock’n’ Roll!“ krächzt Lemmy Kilmister. Es beginnt wie immer: mit Lautstärke, Lärm und Leidenschaft. Nur sind die Fans selten so durchweicht. Immerhin haben sie bereits zwei Stunden Dauerregen in der Zitadelle hinter sich, zu den donnernden Vorab-Auftritten der verwitterten australischen Rose Tattoo und des jüngeren kanadischen Danko Jones. „Sorry ’bout the rain!“ kräht der 62-jährige Frontmann von Motörhead und macht dann das, was er nicht als Beruf versteht, sondern als Lebensinhalt seit über 35 Jahren: Lemmy lässt es krachen, immer wieder. Spielt den Rickenbacker-Bass mit voller Kraft voraus, mit dem typisch drahtigen Sound. Wobei er als Rhythmus- und Lead-Bassist an den gestorbenen John Entwistle von den Who erinnert.

„Ist es laut genug?“, fragt Gitarrist Phil Campbell. „Lauter!“, kommt die rituelle Antwort der Fans. „Everything louder than everything else“ steht auf ihren T-Shirts. Mit Höllenlautstärke brettert das Trio durch den amphetamingeladenen Hochgeschwindigkeitsrock. Boogie, Punk, Shuffle, Chuck-Berry-Eddie-Cochran-Rock’n’Roll in halsbrecherischem Tempo. Kleine Hommage an den kürzlich gestorbenen Bo Diddley im Schlagzeugsolo von Mikkey Dee. Neue Songs, alte Songs: „Killers“, „Metropolis“, „Over The Top“, „Killed By Death“, „Ace Of Spades“. Lemmy ist kein Poseur. Man nimmt es dem charmanten Exzentriker sofort ab, wenn er seinen Fans gerührt dafür dankt, dass sie sich für ihn in den strömenden Regen stellen. H.P. Daniels

KLASSIK

Rumba

am Rande

Das Kammerensemble Neue Musik widmet musikalischen Außenseitern des 20. Jahrhunderts eine dreiteilige Konzertreihe. Das ist nicht ohne unfreiwillige Ironie, denn die Neue Musik fristet ja ohnehin ein Dasein am Rande der Kulturszene. Aber auch der Rand hat eben noch einen Rand. Und Außenseiter verkaufen sich gut hierzulande. Mehr als anderswo sind Komponisten wie Morton Feldman oder Giacinto Scelsi in Deutschland als Rebellen gegen die dogmatische Avantgarde gefeiert worden.

Am ersten Abend der Reihe präsentiert das Ensemble unter Roland Kluttig im Radialsystem den Mexikaner Silvestre Revueltas: 10 kurze Stücke in wechselnden Besetzungen. Natürlich sorgt die Trompete (hervorragend: Naama Golan und William Forman) für mexikanisches Kolorit, schräge Rumba-Anklänge tun ihr Übriges – auch wenn die lateinamerikanischen Rhythmen dem Kammerensemble nicht unbedingt im Blut liegen. Expressive Momente gewinnt der Abend erst mit dem Gesang von Gabriela Herrera und Gabriel Urrutia, mühelos verleihen sie den Werken ungekünstelte Expressivität. Besonders die Vertonung dreier surrealistischer Sonette, ganz ohne folkloristische Anleihen, ist hörenswert. So bietet der Abend einen Nischenblick auf ein Land, in dem man bisher keine Komponisten Neuer Musik vermutet hat. Ulrich Pollmann

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