Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Letzte Ausfahrt

Lichtenberg

Es war einmal ein großer Bahnhof, mit einem Hauch Weltstadt-Flair. Heute gibt es dort, in Lichtenberg, nur noch Alltagsverkehr. Obdachlose, Penner, Missvergnügte, Säufer zogen ein, wo vor noch gar nicht so langer Zeit der Glanz internationale Züge zu erhaschen war. Gleisanschluss Lichtenberg, ein in Zusammenarbeit mit fünf Schulklassen von Annett Gröschner für das Theater an der Parkaue geschriebenes Stück, geht dem Schicksal des Bahnhofs und seiner Dauergäste nach, mit Geschichten und Anekdoten, wie sie geduldige und unvoreingenommene Beobachtung geliefert haben. Leben also, Alltag ohne Beschönigung, und der Versuch, im eingegrenzten Ort das Lebensgefühl der Ausgegrenzten als gesellschaftliches Trauma zu deuten. Ängste und Sehnsüchte im Dasein zwischen den Zeiten, hochschießende Brutalität und Zärtlichkeit, Lebensüberdruss und Liebe, schöpferische Lust und Langeweile treiben die wurzellosen Figuren auf dem Bahnsteig und im Wartehäuschen um. Aber so streng „wirklich“ alles zugeht, es gibt auch Ausflüge ins Träumerische, Verrückte, Absurde – ein „Mysterienspiel“, wie die Autorin ihr Stück im Untertitel nennt.

Sascha Bunge und die Choreographin Lara Kugelmann haben das Stück auf die Bühne gebracht, mit überraschender Zurückhaltung vor dem Reichtum des gesammelten Textmaterials. Was die Figuren zu erzählen haben, zu erzählen hätten, findet keine Bindung, ist wie zerbröselt in der Zufälligkeit des Kommens Bleibens, Gehens. Allerdings – Bunge und Kugelmann suchen eine andere Klammer, treiben die Darsteller unter dröhnender Musik in die ungezügelte Sinnlichkeit tänzerischer Bewegungsabläufe. Innenwelten sollen bloßgelegt werden, Kraft, Protest, Wildheit ein Ventil finden. Die stummen körperlichen Aktionen aber verrätseln die Vorgänge. Bei allem staunenswerten Einsatz des Ensembles gelingt es nicht, den unnachsichtig zusammengestrichenen Bahnhofsgeschichten durch die choreographischen Zufügungen Fülle zu geben. (Letzte Aufführung vor den Spielzeitferien: heute, Donnerstag, 19 Uhr) Christoph Funke

THEATER

Erster Auftritt

Handwerkskunst

Die Spinner sind an allem schuld. Denn mit der „Spinning Jenny“, der ersten Maschine, die Ende des 18. Jahrhunderts dem Menschen die Handarbeit abnahm, begann die Industrialisierung und damit die Entfremdung von Tätigkeiten, die man begreifen kann. Das Theaterkollektiv Lubricat spürt nun in seiner Recherche-Performance Goldener Boden dem Verschwinden einer Zunft nach, inspiriert von dem kulturpessimistischen Werk, das der Soziologe Richard Sennett über das Handwerk verfasst hat. Es ist die erste Arbeit der Gruppe als „artists in residence“ am Ballhaus Ost, nachdem es zum Bruch mit den Sophiensälen gekommen war. Aber das neue Theaterasyl an der Pappelallee ist ein passender Ort für Lubricats diesmal dokumentarisches, an Rimini Protokoll erinnerndes Bühnen-Laboratorium, in dem neben den Schauspielern Kristina Brons und Armin Dallapiccola lebensechte Handwerker auftreten. Darunter ein gelernter Tischler und Hobby-Altphilologe, dem die stärksten Passagen des Abends gehören, wenn er etwa, versiert im hebräischen Original, über biblische Bauanweisungen referiert, oder wenn er mit dem Trotz alter Schule seiner Verachtung für vorgestanzte Lochreihen in Regalen Luft macht.

Der Lubricat-Regisseur Dirk Cieslak verdichtet die Erzählungen seiner Protagonisten zu einer unnostalgischen, oft auch ironisch gefederten Reflexion über eine traditionsbeschnittene Gesellschaft – an deren Ende ausdrücklich darauf verwiesen wird, dass es um die Feier des Handwerks geht. Und nicht um die Handwerker, die sich ihren schlechten Ruf ja oft teuer verdienen. (bis 13. Juli) Patrick Wildermann

ARCHITEKTUR

Nächster Bautyp

Beton-Holz-Haus

Die wie bei einem Stadtgrundriss angeordneten Ausstellungstafeln aus Aluminium und Plexiglas erzeugen zwar nicht die Dichte Seouls, mit seinen rund elf Millionen Innenstadtbewohnern. Doch wenn hinter den Projekttafeln der Ausstellung Megacity Network im Deutschen Architekturzentrum (Köpenicker Straße 48/49, bis 17. Juli; Di.–Fr. 12–19 Uhr, Sa./So. 14–19 Uhr. Katalog Jovis-Verlag 35 €) die eindrucksvollen Fotos von An Se Kweon aufscheinen, auf denen hinter alten Häusern gewaltige Wohnblöcke emporwachsen, dann wird schnell klar, welchen Spagat zwischen Tradition und Moderne die Architekten in der koreanische Hauptstadt zu bewältigen haben.

Die aus dem Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt übernommene Ausstellung stellt 16 zeitgenössische koreanischen Büros vor, die die Spannbreite der derzeit geforderten Bauaufgaben in Korea aufzeigen. Dabei gilt es gerade in der Innenstadt „multifunkionale Architektur“ zu verwirklichen, wie der Kurator Kim Sung Hong hervorhebt: eine Architektur, die unterschiedlichste Nutzungen in einem Gebäude ermöglicht und sich dabei von den gewohnte Gebäudetypologien lösen muss. Daneben spielt die Auseinandersetzung mit den traditionellen Bauformen und -materialien des Landes eine wichtige Rolle. Das Ergebnis sind teilweise wundervoll poetisch anmutende Lösungen wie das Beton-Holz-Haus von Cho Byoung Soo oder das „Dorf der tanzenden Fische“ – eine Wohneinrichtung für geistig behinderte Menschen, die um einen zentralen Anger gruppiert ist. Jürgen Tietz

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