Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

OPER

Hör auf

deine Dämonen

Gute Dirigenten proben nicht nur mit den Händen, sondern auch mit Subtexten. Assoziationen können ebenso dazugehören wie Details aus dem Leben der Komponisten. Kristian Commichau, Leiter der innovativen Jungen Vocal-Concertisten Berlin sowie von Campus Cantabile und Sinfonietta der Universität Potsdam ist ein Meister des Subtexts: Präsenz, dynamische Differenzierung und Intensität, die er seinen Chören entlockt, wirken nie wie bloße Reaktionen auf Gesten, sondern sind Ausdruck einer ungewöhnlich lebendigen, gemeinsam verinnerlichten Werkvorstellung.

Solch Intensität erreicht Orpheus Britannicus nur selten. Commichaus vereinte Ensembles barchten das Schauspiel mit Musik von Benjamin Britten und Henry Purcell jetzt im Nikolaisaal Potsdam zur Uraufführung. Autor und Regisseur Lars Wernecke schildert in einer fiktiven, märchenhaften Szene, wie sich Britten 1942 bei der Rückkehr nach England seinen „Dämonen“ stellt: vor allem den Missbrauchserfahrungen, die er als Kind gemacht haben soll und die dramaturgisch geschickt mit einer Auseinandersetzung mit Übervater Purcell verquickt werden. Britten war mit fünf Jahren das Klavierspielen von der Mutter beigebracht worden, mit acht komponierte er seine ersten Stücke.

Werneckes Konzept, die heikle Geschichte schlicht wie ein Jugendtheaterstück zu erzählen, wirkt adäquat. Dennoch bedarf es des Totaleinsatzes der Schauspieler (herausragend: Ingo Brosch als Purcell), um über das Dokumentarisch-Papierne in Werneckes Dialogen und sein gelegentliches peinliches Abgleiten in die Therapeutensprache („Du hast mein Urvertrauen zerstört!“) hinwegzutrösten. Carsten Niemann

Weitere Aufführungen in der Berliner Heilig-Kreuz-Kirche, Hildegardstraße 3a, 12. und 13. Juli, 20 Uhr.

FILM

Nur die Liebe

lässt uns morden

„Ich kann dir nichts als Liebe geben“, singt Doris Day gleich zu Beginn. In Married Life werden aus Liebe die lieblosesten Dinge getan, ein Mord an der Ehefrau geplant und ein bester Freund hintergangen. Harry (Chris Cooper), ein Geschäftsmann in der verspäteten Midlifecrisis, erträgt das Leben mit seiner unromantischen Frau Pat (Patricia Clarkson) nicht mehr und wendet sich dem wasserstoffblonden Jungbrunnen Kay (Rachel McAdams) zu. Die Geliebte sieht zwar männermordend aus, ist aber trotzdem grundgut und liebt Harry aufrichtig. Bis zu dem Moment, als der Star des Films, Ex-Bond Pierce Brosnan, als Harrys bester Freund die Bühne betritt.

Das alles sieht sehr gut aus – der Film spielt 1949 und versetzt den Zuschauer mit Wasserwelle, Trenchcoat und Ornamenttapete perfekt in diese Zeit –, aber die Geschichte schwankt zu unentschlossen zwischen Krimi, Komödie und Liebesmelodram. Letzteres soll „Married Life“ wohl vor allem sein, wenn man Regisseur Ira Sachs glaubt. „Von der Komplexität von Beziehungen“ wollte er erzählen. Gelungen ist ihm das nicht wirklich. Dafür denkt man nach dem Besuch des Films darüber nach, ob man seinem Wohnzimmer nicht einen kleinen Vierziger-Jahre-Touch verpassen sollte. Und sich selbst auch. Gut sieht das aus, mit oder ohne Liebe. Martina Scheffler

Cinemaxx Potsdamer Platz 17, CineStar Cubix, UCI Kinowelt Colosseum, UCI Zoo Palast, OV im CineStar Sony Center.

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