Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

POP I

Improvisation

mit Flugzeugen

Diana Krall, betont unglamourös in Jeans, schwarzem T-Shirt und mit langen goldenen Haaren, schwingt sich mädchenhaft hinter den Konzertflügel, führt ein kleines Beratungsgespräch mit der Band, die dicht zusammenrückt auf der großen Bühne der Zitadelle. Dann: One-two- three-four, und schon swingt sie rasant los, singt und jazzelt flink über die Tasten. Doch ist es keine Ego-Show der 43-jährigen Kanadierin: Von Anfang an gibt sie ihren drei Mitspielern genügend Raum für eigene Improvisationen, und jeder spielt ein ausgiebiges Solo: Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug. Offensichtlich haben sie eine Menge Spaß, befeuern sich gegenseitig und lachen ausgelassen, wenn mal ein Ton missrät, ein Einsatz nicht auf den Punkt kommt, dem Drummer ein Stock wegfliegt. Mit entspannt synkopiertem Phrasing interpretiert Diana jede Menge Standards aus dem großen amerikanischen Liederbuch: „Let's Fall In Love“, „Deed I Do“, „I'll String Along With You“. Wobei die stillen Balladen von minütlich überfliegenden Flugzeugen zerbrummt werden. Die Sängerin nimmt’s mit gelassenem Humor, lässt kurzerhand improvisierte Flugzeuge durch lustige Textzeilen fliegen, aktualisiert Irvin Berlins „Let's Face The Music And Dance“ mit Einsprengseln von „Come Fly With Me“ und „Fly Me To The Moon“. Zwischen den Songs erzählt sie amüsiert vom „Double Trouble“, ihren anderthalbjährigen Zwillingssöhnen und dem Ehemann Elvis Costello. Schade, dass sie heute keine seiner Kompositionen singt und sich bis auf eine zauberhafte Interpretation von Joni Mitchells „A Case Of You“ ganz auf die alten Standards verlässt. Ein paar Songs vom Album „The Girl In The Other Room“, dem einzigen mit Eigenkompositionen und Costello-Kollaborationen, von dem sie bei ihrem letzten Berlin-Konzert vor vier Jahren noch einige im Programm hatte, hätten den Abend noch schöner gemacht. H. P. Daniels

POP II

Stippvisite

mit Konserve

Sauerstoffmoleküle scheinen sich nur noch vereinzelt in der schwitzig-dampfigen Atmosphäre des Tape zu finden. Schon Stehen fühlt sich an wie Sport. Doch um kurz vor eins ist das plötzlich völlig egal: Santi White alias Santogold kommt auf die Bühne, mit bunt geschecktem Käppi, rosa Riesensonnenbrille und einem T-Shirt, das vorne Malcolm X und hinten Martin Luther King zeigt. Gleich als zweiten Song spielt sie ihren Hit „L.E.S. Artistes“ und legt mit dem Ska-Knaller „Say Aha“ direkt noch einen drauf. Innerhalb kürzester Zeit kreuzt sie zirka sieben Musikstile und bekommt im Ergebnis immer reinsten Pop – eine Kunst, die die 32-jährige New Yorkerin auf ihrem Debütalbum so zwingend vorgeführt hat, dass sie völlig zu Recht als Entdeckung des Jahres gilt. Bei ihrem ersten und vorerst einzigen Deutschland-Konzert blitzt die Brillanz des Albums allerdings nur momentweise auf. Das liegt in erster Linie am schraddeligen Sound, der in den Höhen als einziges Geschepper ’rüberkommt. Auch dass die gesamte Musik aus der Laptop-Konserve kommt, tut dem Klangbild nicht gut. Die beiden Background-Sängerinnen mühen sich redlich, dem etwas entgegenzusetzen. Santogold ist sich dieser Problematik offenbar bewusst, denn sie verspricht nach einem mit 35 Minuten extrem kurzen Set, wieder in die Stadt zu kommen – und zwar mit Band. Sehr gute Idee, Santi! Wir warten! Nadine Lange

POP III

Stimme

mit Ausdruck

Ganz in Weiß kommt K. D. Lang auf die Bühne. Herrenanzug mit Weste, burschikos geschnittene Haare, Akustikgitarre auf dem Rücken und ein Lächeln im Gesicht, dessen Ausdruck zwischen Roy Orbison und Bastian Schweinsteiger changiert, zwischen tiefem Gefühl und sportlicher Drahtigkeit. Die Sängerin springt an den Bühnenrand, dreht die Gitarre nach vorne und singt „Upstream“ vom neuen Album „Watershed“, dem ersten mit eigenen Songs seit acht Jahren. Einer trefflichen Mischung aus all den Stilrichtungen, derer sich die 46-jährige Kanadierin in den letzten zwanzig Jahren bedient hat: Country, Torch-Balladen, Jazz, American Songbook, Erwachsenen-Pop. Womit auch die Stimmung vorgegeben ist für das Konzert in der Volksbühne: dezent, intim, persönlich. Mit einer Stimme, der ein berauschendes Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung steht. In Tonumfang, makelloser Intonation, fabelhaftem Phrasing, exzellenter Mikrofontechnik und feinem Sinn für Dynamik – für die kraftvollen und die verhalteneren Töne. Frei von jeglichen überkandidelten Sangesposen, ohne die großspurigen Manierismen „gehobeneren Künstlertums“, ohne hingekünsteltes Tremolo. Das ist wahre Kunst, echte Größe. Und was K. D. Lang den Songs von Neil Young („Helpless“), Chris Isaac („Western Stars“) oder Jane Sibbery („The Valley“) an eigener Deutung hinzufügt, ist geradezu sensationell. Wobei sie mit offensichtlicher Freude begleitet wird von einer exzellenten jungen Band: Orgel, Piano, Bass, Schlagzeug, Gitarre und Pedal Steel. Zurückhaltend und doch leidenschaftlich und schön. Fast alle Songs von „Watershed“ werden gespielt, aber auch ältere aus dem Fundus. Von 1992 die hübsche Ballade „Wash Me Clean“ und „Constant Craving“, von dem sich die Stones fünf Jahre später die Melodie des Refrains geborgt haben für „Have You Ever Seen My Baby“. Starker Tobak. Stehende Ovationen. Stürmischer Beifall. H. P. Daniels

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