Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

POESIEFESTIVAL

Zwischen Furcht

und Bergen

Ursula Rucker entschuldigt sich erst mal charmant dafür, dass keine Übersetzungen ihrer Texte ausgeteilt werden konnten. Ist auch besser so. Zum einen kommt das Publikum nicht zum Poesiefestival, um mitzulesen, sondern um zu erleben, wie Worte zu Musik werden. Zum anderen läsen sich die Texte der Spoken-Word-Künstlerin aus Philadelphia auf Deutsch etwa so: „Ich trieb/geradewegs zwischen Furcht und Bergen/unter Blues und Vögeln/direkt zur Sonne/und Gott.“ Im deutschsprachigen Spoken Word dürfte sich niemand die spirituelle Beschwörung großer Worte ohne jede Brechung erlauben. „Wenn ihr die Augen schließt, könnt Ihr fühlen was ich sage“, glaubt Rucker. Das klappt vielleicht beim amerikanischen Publikum, wo Worte wie „ich“ und „wir“ schon Gemeinschaft stiften. In der Akademie der Künste hingegen springt der Funke nicht über, die Forderungen nach Emanzipation und Revolution gehen ins Leere. Das liegt auch an den sterilen Hörspiel-Sounds, die der Elektronikkünstler Christof Kurzmann vom Laptop einspielt.

Ähnlich ergeht es dem Lyriker und Hip-Hop-Künstler Mike Ladd, dessen Begleitband mit wirrem Elektronik-Gefrickel den Vortrag eher stört. Erst zum Ende wird der verkünstelte Ernst, der sich so wenig mit der spielerischen Energie des Hip Hop verträgt, fallen gelassen, die Musiker tauschen die Instrumente, Rucker legt einen dicken Rap hin. Für fünf Minuten ist die Energie einer Block Party zu ahnen. Schade, da ist der Abend schon vorbei. Kolja Reichert

 

THEATER

Zwischen Bar

und Bonuspunkten

Immer das Theater mit der Post, lautet der universelle Stoßseufzer zermürbter Postkunden, der seit kurzem eine neue Wendung erfährt: In der alten Neuköllner Post Anzengruberstraße Ecke Karl-Marx-Straße gibt es jetzt nämlich Theater in der Post. Die spaßbegabten Volkstheatermacher vom Heimathafen Neukölln haben sich bis Oktober in der Paketausgabe des seit fünf Jahren einstaubenden Gemäuers eingenistet. Inklusive schräg ausstaffierter Postbeamtenstube, Bar und Bonuspunkten für die erinnerungsträchtige Location.

Ein Klavier, eine Leinwand, bunte Spots, zwei gelb bezogene Barhocker und daneben Dekodinger, die aussehen wie in den Siebzigern bei „Dalli Dalli“ – fertig ist das Bühnenbild. Die G roße Postparade von Wiebke Meier und Nicole Oder persifliert denn auch das Fernsehen mit seinen alten Spielshows und neuen Castingformaten. Ein stoffeliger Postbote und eine kernige Kommunikationsvisionärin kämpfen darum, die Stimme der deutschen Post zu werden. Das ist mit „Maz ab!“-Rufen, Videoeinspielern, Postliederraten (Return to Sender, Mr. Postman), Schneckenpostrennen und trashigen Gesangseinlagen witzig anzusehen. Und die glimmernde Moderatorin des Ersten Deutschen Postfernsehens, hübsch nervös gespielt von Britta Steffenhagen, gibt dazu ewige Wahrheiten von sich. Wie etwa, die Post sei die Vergesellschaftung des Kommunikationsgedankens und der habe sich vom Herold bis zur SMS nicht verändert: „Du bist dort, ich bin hier: Hallo!“ Kurzum, ein signalgelber Abend sinnvoller Zwischennutzung aufgegebener Postfilialen (Wieder am 18. Juli, 21 Uhr). Gunda Bartels

 

MUSICAL

Zwischen Betrug

und Bäuerchen

Was ist Glück? Der Besitz einer Geschirrspülmaschine, Sex oder gemeinsam alt zu werden? Nach 14 Jahren Beziehung stehen Charlotte (Agnes Hilpert) und Robert (Uli Scherbel) mit der Beantwortung dieser Frage immer noch am Anfang. Doch dann kommt den Mittdreißigern ein neuer Gedanke: Könnte ein Kind das Glück sein? Was nun in den folgenden zwei Stunden auf der Bühne der Neuköllner Oper geschieht, ist alles andere als eine platte Werbebotschaft aus dem Familienministerium.

In der Wiederaufnahme des Musicals Babytalk spielen Peter Lund (Regie und Text) und Thomas Zaufke (Musik) Situationen durch, die babyfreundliche „Du bist Deutschland“-Kampagnen gemeinhin außer Acht lassen: männliche Versagensängste und weibliche Selbstzweifel genauso wie Betrug und Trennung. Das ist oft sehr witzig, zum einen wegen der spritzigen Dialoge und der fröhlich-frechen Jazzrhythmen von Piano, Bass und Klarinette. Zum anderen wegen der beiden Darsteller, die mit perfektem Timing und ohne Furcht vor Peinlichkeiten zwischen ihren orangefarbenen Sitzkissen von einer gefährlichen „Projektphase“ in die nächste stolpern – und dabei noch sehr gut singen. Manche Momente erinnern eher an ernstes Sprechtheater: Den Themen Abtreibung und Fehlgeburt wird viel Raum eingeräumt – ein Wagnis in diesem Genre, aber eins, das sich gelohnt hat. Nur der Schluss ist dann wieder ganz so, wie es sich für ein echtes Musical gehört: Zu schön, um wahr zu sein. Diesem musikalischen Wunschkind gönnt man das gern (wieder heute und morgen, 20 Uhr). Eva Kalwa

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