Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Graben

und stapeln

Das Aufbauteam hämmert noch. Im Kunstverein El sourdog hex herrscht Steinbruchatmosphäre. Wie passend: Felsen und Erde spielen eine bedeutende Rolle in der Land Art von Michael Heizer. Vieles an Landschaftskunst, die der 1944 geborene Amerikaner in Kalifornien und Nevada stemmte, existiert nicht mehr, wurde von Wind und Wetter abgetragen. Doch es bleiben Skulpturen und Bilder. Der Sammler Reinhard Onnasch zeigt in seinem Showroom, was er hat (Zimmerstr. 77, bis 30. 8., Di.–Sa. 11–18 Uhr). Und siehe da: Wucht ist nicht immer eine Frage der Abmessung . Versammelt ist ein gutes Dutzend Arbeiten aus den Siebzigern und Achtzigern, in denen das Heizer-typische Graben und das Stapeln von Felsmassen im Kleinen wieder auftaucht.

Seine Leinwände sind selten genormt, sondern am Rand oft „ausgesägt“, dass Treppenformen entstehen. Bemalt sind sie mit überraschend sanften Farben wie hellem Oliv oder Aquamarin oder mit einem Schwarz, das wie heißer Asphalt glitzert. Wie Bohrkerne wirken die neun Rundscheiben der Skulptur „Vermont“ (1977), graue Granitelemente, teils angeschnitten wie Torten, die nach Gusto im Raum arrangiert werden können. Ab 1976 entstanden auch Holzarbeiten. Schräg an der Wand lehnt die „Vertical 85°Sculpture“ aus Kiefern-, Pinien- und Pecanholz, übersät mit einer Struktur aus Brandspuren wie Raubtierfell. Gewaltig und unerhört anstrengungslos: So paradox ist die Kunst von Michael Heizer. Jens Hinrichsen

 

KLASSIK

Schweben

und atmen

Es gibt Konzerte, in denen die Musik zu schweben und die Stille zu atmen scheint. Eine magische Energie erfüllt dann den Raum und erhöht Hörer wie Interpreten. Niemand wagt zu klatschen, bevor nicht mit dem letzten Nachhall die Spannung bricht. Dieses Erlebnis beschert der Dresdner Kreuzchor im Berliner Dom. Die Kruzianer singen geistliche Motetten aus fünf Jahrhunderten, Werke von Michael Praetorius bis zu Max Baumann für vier- bis achtstimmigen A-Cappella-Chor und Doppelchor. Von der schwierigen Akustik im Dom ist nichts zu spüren. Rund und homogen klang der Chor im Mezzoforte, überirdisch transparent in den leisen Tönen.

Sie sind die Stärke der 80 Jungen zwischen 9 und 19 Jahren. Mit Leichtigkeit strahlen die Stimmen der Jüngsten, während die Älteren den Gesang erden. Kreuzkantor Roderich Kreile flicht die Stimmen zu einem Gesamtkunstwerk aus Ruf und Echo, Licht und Schatten. Zu welcher Präzision der Chor fähig ist, zeigt sich bei Messiaens „O sacrum convivium“, einem meditativen Antiphon zum Geheimnis der Eucharistie, dem Höhepunkt des Abends. Karin Erichsen

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