Kultur : KURZ & KRITISCH

Roman Rhode

WELTMUSIK

Der Groove

des Senegal

„Specialist in all Styles“ heißt eines der letzten Alben des Orchestra Baobab. Dessen Comeback ist vom britischen Label World Circuit nicht ganz zu Unrecht als afrikanische Version des Buena Vista Social Club vermarktet worden. Denn die 1970 gegründete Band aus dem Senegal gehört zu den Pionieren der musikalischen Afro-Cuban-Connection. Neben Tanznummern und Balladen auf Französisch und Wolof spielte sie besonders gerne kubanisches Liedrepertoire. Bereits vor 40 Jahren, als kubanische Tanzorchester in Westafrika Furore machten, erinnerte man sich daran, dass es versklavte Mandingas aus Westafrika gewesen waren, die die Claves und andere Perkussionsinstrumente auf die Zuckerinsel gebracht hatten. Die zehn Herren vom Orchestra Baobab in ihren bunten Seidenhemden heizen die kubanische Melancholie von Guajiras und Cha-Cha-Cha mit afrikanischem Highlife auf, rollen einen Groove aus, der bis nach Jamaika reicht, und geben sich ausufernden Improvisationen hin, die in ihrer Intensität an die besten Momente des Afro-Beat erinnern. Perkussive Wucht, helle Gesangsstimmen, Shouts aus den Saxofonen, irrsinnige Gitarrenläufe, die manchmal auch wie ein erdiger Hammondorgel-Soul klingen – das Publikum im rappelvollen Kesselhaus tobt. Roman Rhode

 

POP

Mal die Bläser

von der Leine lassen

Achtung, hip! Die treibende Weltschmerz-Hymne „Blind“ mit dem Sirenengesang Antony Hegartys ist seit Monaten erste Wahl für die Beschallung von Mode-Events. Nun spielen Hercules And Love Affair zum Auftakt der Fashion Week, das Lido ist völlig ausverkauft. Offenbar wurde mit Absicht ein zu kleiner Laden gewählt und zugleich mit aggressiver Werbung das Begehren angeheizt, damit die, die es reingeschafft haben, sich umso exklusiver fühlen. Was den Verdacht stützt, dass die Band nicht wirklich für das Revival von Disco als Musik der Offenheit und sexuellen Befreiung steht, sondern nur für deren coole Ausstellung. Wage das noch einer zu denken, sobald das Konzert beginnt! Mastermind Andrew Butler tritt eine Feier der Entfesselung los, Sängerin Nomi lässt ihren üppigen Körper, bis auf die Glitzerunterwäsche entblättert, auf- und niederfahren und bildet mit Kim Ann Foxman ein herzallerliebstes Duo. Spätestens als noch ein Agogo-schlagender Grinse-Chinese auf die Bühne gehüpft kommt, hat diese schrille Combo alle Herzen gewonnen. Der Sound ist offener als auf dem Album, vor allem weil die Bläser von der Leine gelassen werden. Ein Konzert wie ein DJ-Set. Das verblüffende „You Belong“ bildet den Höhepunkt. Wann hat man das schon gehört? 1991? 1981? Hercules And Love Affair schreiben schon jetzt Klassiker. Kolja Reichert

GESCHICHTE

Das Beste

draus machen

Always make the best of it: Das war das Lebensmotto von Peter Jessen (1858– 1926), dem Gründungsdirektor der Kunstbibliothek. Zu seinem 150. Geburtstag will eben diese mit einer Foyer-Ausstellung an ihn erinnern (Kulturforum Potsdamer Platz, bis 31. August, Di–Fr 10–18, Sa/So 11–18 Uhr). Die allerdings hält sich nicht an Jessens Motto. Sie ist nur etwas für Besucher, denen Jessen schon ein Begriff ist. Einen roten Faden gibt es nicht, die Ausstellung beginnt abrupt mit Monografien Jessens über die Meister des Ornamentstichs und über seine Studien in Asien. Weiter geht es mit Exemplaren aus der Ausstellung „Buntpapiere“ von 1907, und in der nächsten Vitrine finden sich dann persönliche Dokumente und endlich eine Erläuterung, wer der Mann überhaupt war. Zum Schluss chronologische Verwirrung: Nach Dokumenten anlässlich seines Todes 1926 folgt Jessens Promotionsurkunde von 1882. Die Ausstellung verzichtet weitgehend auf Erläuterungen, ihre Macher haben offensichtlich im Bemühen, Jessens umfangreiches Aufgabengebiet abzubilden, den Überblick verloren. Martina Scheffler

 

KUNST

Die Sehnsucht

Aserbaidschans

Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt eine Gasse mit alten Häusern, am Bildrand ist ein geparktes Auto zu sehen. Dahinter steht leicht gebückt eine alte Frau. Über ihr schwebt ein länglicher Schatten an der Hauswand, er hat die Form eines Flügels: „Engel“ heißt der Bromsilberdruck des Aserbaidschaners Sanan Aleskerov, der mit seinen Fotos in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan, dem Verborgenen nachspürt. Wie viele Künstler aus der Republik am Kaukasus arbeitet Aleskerov mit leisem Humor und einer großen Sensibilität für das Geheimnisvolle im Alltäglichen, dies zeigt die Ausstellung Art is not only ugly, die im Lichthof des Auswärtigen Amtes zu sehen ist (Werderscher Markt 1, bis 7. August). Auch Orkhan Aslanovs Fotomontage „Ich will Wolken“, auf der ein Mann an Zeichenstrichen eine Wolke wie einen Drachen hinter sich herzieht, ist ein Bild, das sich mit Leichtigkeit menschlichen Sehnsüchten widmet. Andere Künstler wie der Maler Vugar Muradov sind in ihrer Bildsprache konventioneller: Muradovs oft pointillistische Porträts und Stillleben sind meist im ländlichen Umfeld angesiedelt, seine „sitzende Frau“ ist ein impressionistisches Feuerwerk aus Rottönen. Beinah dokumentarisch hingegen arbeitet die Fotokünstlerin Rena Effendi. Sie porträtiert Waisenkinder oder vertriebene Frauen, stellt deren Würde und Gefährdung dar.Eva Kalwa

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