Kultur : KURZ & KRITISCH

Eva Kalwa

OPER

Wissen ist

weiblich

Sie ist eine starke Frau. Schön, stolz und unabhängig. Die Liebe akzeptiert sie als Teil ihres Lebens, lässt sich aber nie von ihr beherrschen: Georges Bizet erzählt in seiner 1875 uraufgeführten Oper Carmen die Geschichte einer modernen Frau, für die Freiheit das höchste Gut ist – bis in den Tod hinein. Die konzertante Aufführung durch den philharmonischen Chor und die studentische Philharmonie der Humboldt-Universität erlaubt es, sich ganz auf die Musik und die Entwicklung der Charaktere zu konzentrieren. Dass der Handlungsort Sevilla in einem nach Gras duftenden großen Zirkuszelt auf dem Campus Adlershof liegt, stört nicht: Im Gegenteil, die ungezwungene Atmosphäre passt zu der abenteuerlichen Schmugglerwelt, in welche der biedere Sergeant Don José der freiheitsliebenden Carmen auf Dauer nicht folgen will. Bhawani Moennsad, als Ersatz für die erkrankte Uta Grunewald, füllt die Rolle der Carmen mit ihrem warm lockenden Mezzosopran wunderbar aus. Sie ist der Stern Sevillas und der Star dieses Abends. Gemeinsam mit der überzeugenden Peggy Steiner als Michaela verkörpert sie weibliches Wissen und Geheimnis. Dagegen wirkt Tenor Jevgenij Taruntsov als Don José schwach. Im Duett mit Escamillo (Alban Lenzen) ist er gegen die von Constantin Alex souverän geführten dynamischen Streicher und Bläser kaum zu hören. Auch Lenzens für die Partie des Torero zu unbeweglicher Bassbariton reicht an die Stimmkraft der Carmen nicht heran. Die Ehre der männlichen Partien retten Hans Griepentrog als Zuniga und Tye Maurice Thomas als Morales. Eva Kalwa

 

KABARETT

Viel

nichts

Was ist eine Sommer-Show? Die Schwestern singen: „Es regnete, als ich dich fand...“ Man stecke drei reife Grazien aus New Orleans in bonbonfarbene Roben. Sie singen: „Es regnete, als ich dich verlor.“ Man verstärke sie durch die toupierte Bassistin, das KarlValentin-Profil am Piano, den Trompeten-Geiger. „Ich hab den Blues, Baby, immer wenn’s regnet“, singen sie, und „Knock on wood!“ aus „Casablanca“ – da wird aus der Bar jeder Vernunft samt klopfenden Gästen Ricks Café: „Who’s got nothing? We got nothing. How much nothing? Too much nothing!” Sie singen „Mood Indigo”: rein, schräg, zart, alle Blue Notes dieser Welt. Verzaubern sich selbst mit „Moonlight Serenade“. Rasen auf dem „In the mood”-Swing-Stakkato-Express davon. Abschieds-, Liebes-, Heimatlieder. Standards aus der LebensIllustrierten, dem Evergreen-Regal.

Wie reagiert Berlins Sommerpublikum? Es ignoriert die Missverständnisse. (1) The Pfister Sisters (bis 17. August, Di bis Do), 29 Jahre im Showgeschäft, sind mit den ironischen Geschwistern Pfister nicht verwandt. (2) Ihre eckige Conference überhört man besser. (3) „Musical Comedy“, wie annonciert, ist das kaum. Sie singen! Schön. Sympathisch. Unschuldig. Holly, der umfangreiche Senior-Bass. Debbie, ausladend blond, sich räkelnd als „Laziest girl in town“. Yvette, die spröde Strickjacke, zum Falter mutiert; als Paul Linckes „Glühwürmchen“ louisianisch durchs Spiegelzelt flirrend: „I got a girl that I love so. Glow, little glow worm, glow.“ Da kann man nicht meckern. Thomas Lackmann

 

KUNST

Lob

der Linie

Mag sein, dass der Sport im Olympiajahr alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber längst punktet China auch in Leistungsschauen zeitgenössischer Kunst. Das Museum für Asiatische Kunst präsentiert parallel zur fulminanten Sonderschau chinesischer Tuschemalerei der Gegenwart noch drei zwischen 1963 und 1973 geborene Künstler. Chen Guangwu, Fang Lijun und Liu Wentao bewegen sich zwischen Tradition und Aufbruch (Lansstraße 8, Berlin-Dahlem, bis 5. 10., Di-So 10-18 Uhr). Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Entwicklung ist die Fläche. Chen Guangwu bleibt dabei, indem er sich auf die klassische chinesische Kalligraphie bezieht. Seine All-Over-Tuschezeichnungen feiern die Linie: gerade, geschwungen, gezackt, auch zu Schriftwürmern verdickt. Mathematisch-präzise wirken dagegen Liu Wentaos Liniengeflechte. Und wie gewoben – als wären die abstrakten Bilder aus grauem Tweedstoff gemacht. Zudem zeichnet Liu auf unregelmäßigen Leinwänden, den „Shaped Canvases“, die auf der Schwelle zur Objektkunst stehen. Fang Lijun, Berlinern bekannt durch seine in Holz geschnittenen Kahlköpfe im Kupferstichkabinett, hat den Schritt in den Raum mit seiner expressiven Skulptur „Fifteen Thousand People“ bereits vollzogen, mit seinem Blütenfeld aus kleinen, an Stengeln steckenden Goldköpfen. Winzige Gesichter, stumpfer Glanz: Kein olympisches Metall, eher das verfluchte Gold von König Midas. Jens Hinrichsen

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