Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Spinnfaden und

Lotusblüte

Eng ist der Höllenschlund, in den ein armer Sünder hinabstürzt. 1872 malte Ko Issôku die schwindelerregende Szene auf eine Hängerolle. Dahinter wird eine indische Legende vermutet: Buddha ließ einen Spinnfaden in die Hölle hinab, als Gnadenakt für einen dort schmorenden Verdammten. Doch es gab kein Entrinnen, der Faden riss. Teile der Nürnberger Asiatica-Sammlung Fuchs sind zu Gast im Museum für Asiatische Kunst. Die Leihgaben legen den Fokus auf die indischen Wurzeln der japanischen Kultur (Dahlem, Lansstraße 8, bis 19.10., Di–So 10–18 Uhr). Ein großer zeitlicher Bogen wird geschlagen – vom zwölften bis ins 19. Jahrhundert. Viele der kostbaren Arbeiten scheinen stilistisch ihrer Zeit weit voraus, so Kikuchi Yôsais stark abstrahierte Tusche-Grisaillen „Mond in den Wolken“ oder „Kirschblüten“ (Meji-Zeit). Nachts sind alle Bäume grau, doch ihr schöner Wuchs bleibt erkennbar. Ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammt die Darstellung des Berges Fuji, gemalt von einem Unbekannten, der es mit der Modernität eines Hokusai aufnehmen konnte. Die frühesten Exponate der Kabinettausstellung beziehen sich auf Bodhidarma, seines Zeichens buddhistischer Mönch und Sohn des indischen Königs Kaisawo. Als junger Mann thront Bodhidarma auf einer Lotosblüte, die ein Löwe trägt. Die prächtige Hängerolle wurde von einem Anonymus gemalt und kam Dank der Vermittlung des Kunsthändlers Hayashi Tadamasa (1853–1906) in die Fuchs’sche Sammlung. Jens Hinrichsen

 

KLASSIK

Wagemut und

Tiefenrausch

Berlin ist eine Stadt von Musikbesessenen, mag es auch Sommer sein und die Sinfonieorchester in Urlaub. Denn hier gibt es Konzertreihen, die den Hunger nach Klassik zwischen den Spielzeiten stillen. Wie die Sommermatinee der Gotthard- Schierse-Stiftung. Deren Saisonauftakt sorgt sonntags um halb elf im Foyer des Musikinstrumentenmuseums für kultiviertes Gerangel um die letzten Karten. Zum Kinopreis junge Talente live erleben, dieses Konzept hat die Stiftung schon vor Young Euro Classic erfolgreich angeboten und seither über 700 Künstler dem Berliner Publikum vorgestellt.

Einem begeisterungsfähigen Publikum: Klaviereleven mit Lehrerin, Musikstudenten, Kulturflaneure und hellwache Senioren füllen leichterhand den Curt-Sachs- Saal. Evgeni Bozhanov kennt keine Berührungsängste. Gerade konnte der 1984 geborene Bulgare zwei internationale Klavierwettbewerbe für sich entscheiden, Publikumspreise eingeschlossen. Man spürt sofort, dass hier einer nicht allein nach technischer Bewältigung der Klassiker strebt, sondern mit einem guten Schuss Wagemut aufbricht zu musikalischen Abenteuern. Selbstbewusst umspielt er die Verzierungen bei Scarlatti, stellt den dramatischen Effekten bei Beethoven zarte Klangsuche gegenüber und kostet die rhythmische Verve von Schostakowitsch genussvoll aus. Doch am prachtvollsten entfaltet sich Bozhanovs Kunst, musikalische Neben- und Nachtgedanken hörbar zu machen, bei Chopin. Ein Tiefenrausch zur Mittagszeit. Nächsten Sonntag spielt die Harfenistin Teresa Zimmermann, die auch im Publikum saß. Ein Tipp für alle, die dabei sein wollen: Kommen Sie früh! (weitere Matineen bis 24. August, So 11 Uhr). Ulrich Amling

 

KUNST

Verraten und

verkauft

Für die Ägypter war Josef ein Held, sie verehrten ihn für seine Milde und Aufrichtigkeit. Im Volksglauben brachte es Glück, sich mit seinem Abbild zu schmücken. Daher finden sich gerade auf alten ägyptischen Kindertuniken viele textile Verzierungen mit Hinweisen auf die Josefsgeschichte aus dem Buch Genesis. Die Wirkereien stellen unter anderem dar, wie Josef von seinem Vater Jakob ausgesandt wird, seine Brüder zu suchen, und wie diese ihn aus Neid über seine Vorzugsstellung beim Vater an ismaelitische Sklavenhändler verkaufen. Kleidung war in Ägypten ein bedeutender Alltagsschmuck. Ab dem vierten Jahrhundert wurden Tote nicht mehr mumifiziert, sondern mit ihrer Kleidung begraben. Da das heiße Klima für eine Konservierung der Stoffe sorgte, förderten Ausgrabungen zahlreiche Textilien zutage. Das Besondere an den Schmuckbesätzen aus dem siebten bis zehnten Jahrhundert nach Christus, die die Ausstellung Ein buntes Kleid für Josef im Museum für Byzantinische Kunst zeigt (Bode-Museum, Bodestr. 1–3, Raum 113, bis 31.3.2009, 10–18, Do 10–22 Uhr), ist die modern wirkende Bild- und Figurengestaltung. Die großen Augen und Gesichter ähneln dem in Manga-Comics beliebten Kindchenschema. Auch die meist bewegten Körper geben den farbenfrohen Darstellungen eine Lebendigkeit, die an neuzeitliche Bildgeschichten denken lässt. Die Figuren sind durch dicke, schwarze Konturlinien akzentuiert. Dadurch scheinen Josef und seine Brüder dem Betrachter förmlich entgegenzutreten. Eva Kalwa

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