Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

KUNST

Lass die

Puppen wohnen

Dass Gegenstände ein Eigenleben haben, spürt jeder, der die Vitrinen im Museum der Dinge passiert. Puppen, Telefone, Nazi-Geschirr, auf engstem Raum zusammengepfercht, erzählen in wirrem Durcheinander von verschiedensten Lebenswirklichkeiten. Zum ersten Mal veranstaltet das Museum des Werkbund-Archivs nun auch eine Kunstausstellung unter dem Titel Mobilien (Oranienstr. 25, bis 10.11., Fr–Mo 12–19 Uhr). Mit ihrer Raum-Installation „Can Can“ treibt die Peruanerin Carolina Kecskemethy den Wahnsinn, der im Prinzip Museum wirkt, auf die Spitze und schafft zugleich einen heiteren Kommentar zu kultureller Fremdheit: 1000 Möbel in Puppenhausgröße sind auf einer riesigen Spanplatte aufgereiht, fein sortiert in Betten, Sofas, Schränke, Küchenmöbel, Gartenmöbel.

Das Inventar eines ganzen Möbelhauses im Kleinformat, ein betörendes Rauschen aus tausend Stimmen. Dazu läuft auf einem kleinen Fernseher die Aufführung von Jacques Offenbachs „Can Can“, aufgeführt von einer Musikklasse mit Jugendlichen unterschiedlichster Herkunft, die das Stück jedes emotionalen Ausdrucks entkleiden. Die penetrante Wiederholung des Motivs im Zusammenspiel mit der Möbellandschaft und der für Kecskemethy typischen Wandzeichnungen schafft eine Atmosphäre des Wunderns, der Verunsicherung. Diesem skurrilen Konzert kann man nur eins entgegensetzen: Lachen. Kolja Reichert

 

KUNST

Neunundvierzig

Nesselplatten

Gleich und gleich gesellt sich gern. Die fünfte Folge der Serie Private/Corporate bei Daimler Contemporary wirkt wie aus einem Guss, obwohl auch diesmal die Daimler-Kunstsammlung und eine Privatkollektion miteinander in Dialog treten. Die Ankäufe des Ehepaars Lafrenz reichen bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück, ihre Sammlung prägt bis heute das Erscheinungsbild des Museums Weserburg Bremen und wird inzwischen vom Sohn Björn Lafrenz weitergeführt. Minimalismus bildet dort wie hier in Berlin einen Schwerpunkt – daher überrascht es nicht, dass Gastgeber und Gast mit Namen wie Josef Albers, Sol Levitt, Liam Gillick oder David Novros Überschneidungen aufweisen (Potsdamer Platz, bis 21.9, Mo–So 11–18 Uhr).

Die zum Quader gestapelten „49 Nesselplatten“ (1963) von Franz Erhard Walther stammen aus der Daimler-Sammlung und sind durch zehn Zeichnungen ergänzt, die Vorschläge zum Auslegen der Platten enthalten. Damit harmonieren die „Six Aquatints“ (1975) von Robert Ryman aus Lafrenz’ Besitz. Passende Präsentation: Das Kabinett des Hauses Huth ist von warmtonigem Fluidum erfüllt, das durch die Lichtreflexion der beiden Zyklen entsteht. Neben den großen Alten sind es die Frühvollendeten, die hier Aufmerksamkeit beanspruchen, so Charlotte Posenenske (1930-1985) mit reduzierten Reliefs und der kaum bekannte Eckhard Schene (1941-1978) mit spannungsreichen Wandarbeiten: Minimale Mittel, maximale Dynamik. Jens Hinrichsen

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